Aus der No Go Area

AfDOb ich Deutschland liebe, werde ich ein andermal ventilieren. Aber eins ist klar: Ich liebe diese Stadt, Jena. Wenn es darauf ankommt, zeigt sie, dass sie nicht dumpf, kleinkariert und verschreckt ist, sondern aufmüpfig, intelligent und freundlich.
Als ich ins Zentrum kam, hatte man die Stadt in einen Irrgarten aus Absperrgittern verwandelt. Der Markt war von Polizei abgeriegelt, auch für so unverdächtig aussehende Frauen mittleren Alters wie mich war kein Durchkommen. Vom Rathaus bis zum Kirchplatz, Luftlinie hundert Meter, brauchte ich eine gute Viertelstunde. Es waren noch mehr unverdächtig aussehende Bürger unterwegs, die ein wenig kopflos das Schlupfloch in der Absperrung suchten – höflich und resigniert.
Der Anlass des Ausnahmezustandes: Die AfD wollte auf dem Markt kundgeben und einmal um die Innenstadt marschieren. Neben der Jenaer Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal hatte man Björn Höcke und Alexander Gauland aufgefahren, also die unappetitlichsten Figuren, die die Partei im Angebot hat. Frau Muhsal memmelte schon im Vorfeld herum, weil alle Welt zu Gegendemonstrationen aufrief. Undemokratisch und gemein sei das, meinte sie.
Das Volk klumpte auf den Zugängen zum Markt zusammen. In der Weigelstraße standen weit über tausend Leute, eher zweitausend, fröhlich, friedlich, frierend. Wenn der Männlichkeitsentdecker Höcke seine wirren Theorien verbreitet, dann wollten sie wenigstens zeigen, dass sie anderen Meinung sind und diese Stadt nicht Dresden ist (und schon gar nicht Erfurt, soviel Lokalpatriotismus muss hier unbedingt sein).
Die Polizei forderte zum Verlassen der Demonstrationsroute auf, nur um anschließend festzustellen, dass eine Räumung Stunden dauern würde und keine Aussicht auf Erfolg hätte. Verschnupft äußerte Frau Muhsal, Jena sei eine No Go Area, und die Bevölkerung jubelte. Man würde bei besserem Wetter wiederkommen, kündigte sie an, als sei es die Kälte gewesen, die mehrere tausend Leute aus den Häusern auf die Straßen getrieben hatte. Das Gelächter muss bis zum Markt zu hören gewesen sein.
Man hopste zur Musik, weil die Füße langsam am Boden festfroren, spielte Fußball mit leeren Bierdosen und bewarf einander mit Schneebällen. Ich nieste, und ein wildfremder Mensch rief: „Gesundheit!“
Erst als die AfD abzog und die Schalmeienkapelle „Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus“ spielte, verlief sich die Menge. Keiner randalierte. Keiner zündete Mülltonnen an. Keiner griff die Polizei an, die ihrerseits zwar lästig, aber höflich war.
Auf einem Plakat stand: Lieber gut und menschlich als dumm und ängstlich.
Jena.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Jena, Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Aus der No Go Area

  1. Inge schreibt:

    Hast Du Vorurteile gegen Dresden? Auch hier sind jedes Mal, wenn Pegida „spaziert“, jede Menge Gegendemonstranten unterwegs. Nur leider manchmal nicht so friedlich…

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Als Jenaer habe ich vor allem Vorurteile gegen Erfurt, das muss man …
      Dresden ist leider zum Symbol für fremdenfeindliche Aufmärsche geworden. Das hat die Stadt möglicherweise nicht verdient, aber im Grunde denkt inzwischen jeder bei „Dresden“ an Pegida. Den Jenaern war deutlich anzumerken, dass sie sich das nicht gefallen lassen wollen.
      Ansonsten hätte ich ein begründetes Nachurteil gegen die sächsische Polizei. Die verhaftet immer mal wieder unseren Jugendpfarrer. Ich kann aus eigener Anschauung sagen: Wo Lothar ist, herrscht zwar keine Ruhe, aber Ordnung. Die Jenaer Polizei legte sichtlich auch Wert darauf, nicht mit der sächsischen verwechselt zu werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s