Grüne und Naturwissenschaftler

Wasserkraft

„Wenn ich mich zu sehr aufrege, dann halt mich bitte zurück“, sagt Frank.
„Ich könnte dich KO schlagen“, biete ich freundlich an.
Das Problem: Der Stadtentwicklungsausschuss berät über den diesjährigen Monitoringbericht zum Energieverbrauch in Jena. Ein normaler Naturwissenschaftler sammelt Daten, um Prozesse und Zusammenhänge zu verstehen. Die Grünen in Person des Stadtentwicklungsdezernenten und des Mitarbeiters vom beauftragten Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz (ThINK – eine rein privatwirtschaftliche Angelegenheit) sammeln Daten, um einen European Energy Award in Gold zu bekommen. Dazu muss man den Energieverbrauch monitorieren. Frank, mein sachkundiger Bürger, ist Chemiker, ich bin Physiker. Der Konflikt ist unausweichlich.
Im Jahr 2013 gab es einen deutlichen Einbruch bei der Stromerzeugung aus Wasserkraft. Ich frage nach, was die Ursache war. Die unglaubliche Antwort: Die Ursachenforschung war nicht Gegenstand des Auftrages. Der Dezernent schweigt. Nun ist Jena nicht Norwegen. Wir haben genau 4 Wasserkraftwerke. Wie lange hätte es gedauert, die anzurufen und zu fragen? Wie kann man in so einem Fall nicht anrufen und fragen? Wie kann man so unneugierig sein?
Das Lieblingsprojekt des Dezernates für Stadtentwicklung ist die Untersuchung des Modal Split im Stadtverkehr durch die TU Dresden. Die zählen akribisch, wie viele Wege der Bürger am Tag zurücklegt: zum Bäcker – 1 Weg, zurück nach Hause – 1 Weg, auf Arbeit – 1 Weg, von Arbeit aus einkaufen – 1 Weg, vom Einkauf nach Hause – 1 Weg. Zählt man so, legt der durchschnittliche Jenaer 3.3 Wege am Tag zurück, 38.2 % davon zu Fuß. Deshalb, schlussfolgert man im Dezernat, sei Jena die Stadt der kurzen Wege und Fußgängerförderung dringend angeraten. Liest man die ganze Studie, dann erfährt man, dass der durchschnittliche „kurze“ Weg 5.5 km beträgt, und der Anteil des Fußgehens ganze 6.8 % der täglich zurückgelegten Strecke ausmacht. Das aber ist eine politisch unerwünschte Erkenntnis.
Bei der Erhebung stieg zwischen 1998 und 2003 der motorisierte Individualverkehr im Modal Split von 34.2 % auf über 40 % – um 2008 wieder auf 35 % zu sacken. Meine Nachfrage, warum das so war und ob es nicht auf ein statistisches Problem der Sache hinweise, ergibt die erwartete Antwort: Die Daten seien nun einmal so festgestellt worden.
Ich versuche klugzuscheißen. Gerade habe ich gelernt, dass ein Freiburger Architekt Windrädchen auf seine Mehrfamilienhäuser stellt. Damit spart er die Kosten für die Masten. Ist zwar nicht viel Strom, was da entsteht, aber 100 % öko. Ich frage also, ob das nicht auch für Jena …? Nein, sagt der Mensch vom ThINK, ganz und gar nicht. Zum einen sei da die Tallage, und außerdem würden Kleinwindkrafträder nur um die 2000 kWh pro Jahr erzeugen. Gegenüber den großen sei das nur ein Promille.
Ich bin, wie gesagt, Physiker. Glauben ist was für Theologen. Im Tal, stelle ich fest, weht der Wind im Jahresschnitt mit 2 m/s – und Lobeda liegt gar nicht im Tal. Ein Großteil des Stadtgebietes liegt sogar ausgesprochen auf dem Hochplateau. Da hat der Wind viel Platz.
Das Dezernat will unbedingt einen Klimaschutzmanager einstellen, der die Bürger mit Energiespartipps nervt. Ein Blick in die Abrechnung zeigt mir, dass unser 2-Personen-Haushalt pro Jahr ziemlich genau 2000 kW/h Strom verbraucht. Das ist eine irrelevante Menge, wie ich gerade gelernt habe. Warum zum Teufel soll ich dann Energiesparlampen verwenden, die gegenüber Kühlschrank, Herd und Waschmaschine wiederum eine Verschwindungsgröße sind? Wenn ich die 40 W-Birne durch eine 16 W-Sparlampe ersetze, müsste ich die jeden Tag 250 Stunden brennen lassen, um den gleichen Effekt wie das Windrad zu erzeugen. Was natürlich ökologischer Unfug wäre, weil ich bis zum Einbruch der Dunkelheit gar kein Licht brauche.
Die Stadt Jena hat ihr Gold-Zertifikat. Was interessiert es da, ob die Zahlen irgendeinen Sinn haben? Es geht nicht um Umweltschutz, sondern um ein lächerliches Blatt Papier. Schön, dass man das nachrechnen kann.
Frank neben mir sagt kein Wort. Er überlässt das Aufregen für dieses Mal mir. Müsste ich mich selbst KO schlagen. Aber das würde keine Wattsekunde einsparen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Grüne und Naturwissenschaftler

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Ich staune immer wieder, wie Politik funktioniert. Nämlich gar nicht.

  2. Frank Hill schreibt:

    Liebe Heidrun Jänchen,
    einen Physiker (oder sonst redlichen Naturwissenschaftler oder Ingenieur) in eine von Rot/Grün angesetzte Veranstaltung zu Energie- oder Klimafragen zu jagen ist -eigenen Erfahrungen nach- etwa so human wie einen Pollenasthmatiker über eine Sommerwiese zu hetzen. Deshalb habe ich mich -in meinem Alter ist mit Schnappatmung und Bluthochdruck nicht mehr zu scherzen- in puncto Meinungsäusserung in den eher allergenfreien Raum des Internets zurückgezogen- wohl wissend, dass ich dort deutlich weniger bewegen kann als Sie es vor Ort tun. WENN ich mich aber fest darauf verlassen KÖNNTE, das Sie ihr Versprechen wahr machen und mich beim ersten Anzeichen von Luftnot K.O. schlagen würden (ich weiss, Sie sind fähig und in der Lage dazu), dann würde ich mich eventuell auch dazu hinreissen lassen, einer solchen Veranstaltung in Persona beizuwohnen. Wobei sich allerdings die Frage stellt, ob sich das für die fünf Minuten, die ich vermutlich bei Bewusstsein sein würde, überhaupt lohnt…..
    Kurz, Dank für Ihren so launigen wie ehrlichen Bericht- und für Ihre Leidensfähigkeit im politischen Alltagswahnsinn!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Über die Mobilitätsleitlinien will man immerhin noch einmal diskutieren. Vielleicht darf auch das Volk da mittun. Auch die Bürgerbeteiligung darf demnächst noch einmal von Bürger besprochen werden – das sollte Gelegenheit geben, die eigene Leidensfähigkeit zu testen 🙂

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