Grüne, Frauen und das Gute Geschirr

FroschIn diesem Jahr haben die Jenaer Grünen keinen Neujahrsempfang, sondern ein Neujahrspodium zur Frauenpolitik abgehalten. Eigentlich wollte ich sogar hingehen – bis sie das Datum korrigierten und ich feststellte, dass ich dafür auf mein Karatetraining verzichten müsste. Das war vielleicht ein Fehler, denn prompt wurde in Abwesenheit schlecht über mich geredet:

Stadtrat Heiko Knopf (Grüne) kritisierte, dass neulich eine Oppositionsfrau im Stadtrat versucht habe, mit dem so genannten Frauenvotum – das ist eine Abstimmung allein unter Stadträtinnen — Politik zu machen. Dabei sei es der Stadträtin doch gar nicht um die Sache gegangen. Mitunter bewirke Frauenpolitik eben das Gegenteil.
(Thüringische Landeszeitung, Thomas Beier)

Das Frauenvotum ist eine Kuriosität aus der Geschäftsordnung: Sind von einem Beschluss mehrheitlich Frauen betroffen, wird auf Antrag ein Votum der Frauen im Plenum eingeholt, das dann in der Debatte irgendwie beachtete werden sollte. Als ich in der Geschäftsordnungsdebatte verlangte, aus Gründen der Gleichberechtigung ein Männervotum einzuführen, war es der Fraktionschef der Grünen, der leidenschaftlich begründete, warum das Frauenvotum so wichtig sei (das ich ja gar nicht abschaffen wollte).
Und nun das – die Oppositionsfrau versucht, im Stadtrat Politik zu machen. Für die Jenaer Grünen scheint das ein völlig neuer Gedanke zu sein. Sie holt dafür sogar das Instrument des Frauenvotums hervor – unerhört! Offenbar ist das Frauenvotum für die Grünen in etwa das, was für meine Großmutter das Gute Geschirr war: Unglaublich wertvoll, aber bitte nicht zu benutzen. Nur zu ANLÄSSEN, also zu Kindstaufen, Hochzeiten und Beerdigungen darf es ausnahmsweise aus der Vitrine genommen werden. Die Verhinderung von Kürzungen in der Kinder- und Jugendsozialarbeit gehört nicht dazu. Das ist Tagesgeschäft.
Natürlich ging es mir dabei um die Sache. Von den Sozialarbeitern (etwa zwei Drittel Frauen) profitieren vor allem Kinder aus finanziell schwachen Familien, die sich Mathenachhilfe, Sportverein und Geigenunterricht nicht leisten können. Die nicht optimal gefördert werden. Für uns Piraten ist das – ich gestehe – eine heilige Kuh, so heilig, dass ich sogar eine wunderliche Regelung wie das Frauenvotum bemühte, um Druck auf die CDU/SPD/Grüne-Koalition zu machen.
Die grüne Fraktion im Stadtrat hat übrigens einen Frauenanteil von 20 % und wird, was männliche Übermacht betrifft, nur von der FDP übertroffen, die gänzlich ohne Frauen auskommt. Frauen können sie sich offenbar nur als zu beschützende, zu fördernde Bevölkerungsgruppe vorstellen, die sich im Stadtrat um geschlechtergerechte Beschlussformulierungen kümmert. Da stört eine Frau, die Sozialpolitik zu machen versucht statt brave Symbolpolitik mit Meißner Kaffeetassen.

Wir Piraten übrigens sitzen geschlechtergerecht mit einem weiblichen und einem männlichen Exemplar im Stadtrat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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