Ungern

IlmenauIch könnte nicht sagen, wann genau die Unsitte eigentlich begonnen hat. Gefühlt vor ein paar Jahren, aber es ist wie mit allen nervtötenden Dingen: Hat man sie einmal bemerkt, sieht man sie plötzlich überall:
„Ich hätte gern 200 Gramm grobe Leberwurst …“
„Ger-ne.“
„… und die Hälfte von der Blutwurst …“
„Ger-ne.“
„… und vier Scheiben Kochschinken.“
„Ger-ne.“
An dieser Stelle muss ich den Einkauf abbrechen, weil ich Gefahr laufe, unhöflich zu werden. Dass ein Fleischer seine Wurstwaren gern verkauft, weil er nämlich davon lebt, ist eine Trivialität, und die muss mir nicht bei jedem Posten aufs Wurstbrot geschmiert werden. Es würde reichen, die Wurst zusammenzupacken, statt mir mit gefühlsfreier Beharrlichkeit zu versichern, dass man es gern tut. [Es gibt eine Steigerung. Der Mensch an der Hotline der Krankenkasse, bei der ich mich anzumelden versuchte, verwechselte meinen Namen mit einem Satzzeichen und beendete ausnahmslos jeden Satz mit einem „Frau Jänchen“. Als ob ich nicht wüsste, wie ich heiße! Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich schreiend auflegen oder „Frau DOKTOR Jänchen bitte!“ sagen sollte – ließ beides bleiben und blieb beim Thema: Er hatte keine Ahnung, warum ich eigentlich anrufen sollte.]
Die Provinz ist ein Segen. Nach dem „Guten Tag!“ folgt ein schlichtes „Bitte?“, kein „Sie wünschen bitte?“ oder „Was kann ich für Sie tun?“ Den Namen weiß der Bäcker ja glücklicherweise nicht.
„Zwei doppelte Brötchen bitte.“
„No.“
[„No“ ist natürlich keine Verneinung, sondern das Gegenteil, und spricht sich mit einem sehr kurzen O. Es ist offenbar die Ilmenauer Form des Leipziger „nu“ oder Chemnitzer „nor“.]
Als ich einen Milchkaffee später um den Toilettenschlüssel bat, steigerte sich das zu einem „No klor!“ Nein, sie gaben mir den nicht gerne, sondern selbstverständlich.
Im Hinausgehen hörte ich noch, wie ein Kunde nicht: „Und sonst bitte?“ gefragt wurde, sondern: „Hammer alles?“
Für Sprachallergiker sind die von Gefühlsverstärkern und künstlichen Höflichkeitsaromen freien Gebiete des Thüringer Hinterlandes eine Erholung. Hier gibt es noch naturbelassene Freundlichkeit.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Ungern

  1. Karsten Kruschel schreibt:

    Call-Center-Insassen (wie dein angeblicher Krankenkassenmensch) werden dauernd geschult, den Kunden immer wieder mit seinem Namen anzusprechen. Wegen der Kundenbindung oder so, oder weil es der Manager so in seinem Ratgeber gelesen hat. – Kann auch nach hinten losgehen, wenn man es – wie ich damals – mit einer Frau namens Fröhlich-Poppen zu tun hat und den Namen solange im Gespräch wiederholt, bis das halbe Callcenter offline geht, weil alles lachend am Boden liegt.

    • Inge schreibt:

      Der ist wirklich schön – da sind Herr Müller-Lüdenscheid und Frau Leutheusser-Schnarrenberger nichts dagegen. – Unsere Abteilungssekretärin hieß vor ihrer Heirat Frau Nöh, und es hat einige Erziehungsarbeit gekostet, bis sie sich am Telefon nicht mehr nur mit ihrem Namen gemeldet hat…

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