Hab ich ein Glück

Eigentlich bin ich seit Anfang dreißig ziemlich weißhaarig. Uneigentlich laufe ich mit einem fröhlichen Orangerot durch die Gegend, das perfekt zu Piratenwahlplakaten passt. Ist Zufall.
Aber damit habe ich wirklich Glück. Seit einiger Zeit wird überall und immer wieder betont, wie viel Sorgen man sich um „unsere blonden Frauen und Töchter“ macht. Nie um schwarz-, braun- oder rothaarige. Die Zeit der Blondinenwitze ist vorbei. Heute ist es geradezu tollkühn, mit blonden Haaren durch die Gegend zu laufen, ein Zeichen von Mut und aufrechter Gesinnung.
Ein bisschen seltsam ist das schon, denn die Argumentation lautet, dass es viel zu viele männliche, sexuell ausgehungerte, junge Flüchtlinge gibt, die mit der spärlich bekleideten Weiblichkeit in Deutschlands kaltem Vorfrühling völlig überfordert sind. Triebgesteuert. Aber der Trieb ist selektiv. So sexuell ausgehungert ist man offenbar noch nicht, dass man sich von einer brünetten jungen Frau erregen lassen würde. Wie pflanzen die sich eigentlich in den arabischen Ländern fort, wenn sie nur auf blonde Frauen anspringen? Ich weiß es nicht. Eigentlich müssten sie längst ausgestorben sein.
Kann natürlich auch anders sein. Vielleicht sorgen sich die besorgten Bürger einfach nicht um ihre nichtblonden Töchter, weil bei denen ohnehin irgendwas schief gelaufen ist. Ansonsten wären sie ja blond. Eine Tochter mit pechschwarzen Haaren, das ist in diesen Tagen schon ein wenig peinlich.
Fakt ist: Ich begegne in letzter Zeit ständig Gruppen junger, arabisch aussehender Männer. Sie tun nichts anderes als junge, deutsch aussehende Männer, außer dass sie ein bisschen zurückhaltender sind. Es will mir nicht gelingen, mich vor ihnen zu fürchten. Aber ich habe ja auch Glück – mit meinen roten Haaren.
Tatsächlich erinnert mich das Wiederkäuen der Gefahr für blonde Töchter an eine Ausstellung, die ich vor Jahren, noch in der DDR, in der Jenaer Stadtkirche besucht habe. Es ging um den deutschen Faschismus, und erstaunlicherweise hatte man auch Zitate aus „Mein Kampf“ abgedruckt. Mir ist nur eines in Erinnerung geblieben: „Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt. Mit allen Mitteln sucht er die rassischen Grundlagen des zu unterjochenden Volkes zu verderben.“ (kann man heute wieder nachlesen).  Damals dachte ich mit der geballten Naivität meiner zwanzig Jahre: Wer glaubt denn einen derartigen Seich? Wie blöd muss man sein, um eine so billige Hetze zu schlucken? Inzwischen bin ich an genügend musealen Ausstellungsstücken vorbeigekommen, um zu wissen, dass man es damals tatsächlich glaubte. Verstanden allerdings habe ich es immer noch nicht.
Deshalb eine letzte Vermutung zum Phänomen der bedrohten blonden Töchter. Wie die Ruhrbarone berichteten, hat sich der AfD-Nachwuchsstar Maximilian Kneller auf Facebook mit sexuellen Gewaltphantasien gegen eine Frau von den Jungen Liberalen hervorgetan, natürlich eine blonde:

Kneller_Post

Der Anlass: ein Plakat mit der Aufschrift „Hass macht hässlich.“ So weit ist es inzwischen: Die JuLis gelten als linksextrem.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Das Universum & der Rest, Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s