Sprachmurks: die Bürgenden

Jena möchte sich neue Leitlinien für Bürgerbeteiligung geben und hat sich zu diesem Zwecke die „Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung“ Zebralog angeheuert. Die Debatte mit „der Politik“, also den Stadträten, hatte man schon einmal mangels Interesse verschoben. Jetzt fand sie doch statt. Die beiden Zebralog-Mitarbeiter und der zuständige Dezernent saßen einer illustren Runde aus je einem Vertreter von CDU und SPD und den üblichen Verdächtigen gegenüber: Clemens, Frank und mir von den Piraten. Der Stadtrat hat nicht weniger als sieben verschiedene Parteien und eine freie Wählergemeinschaft.
Wir hatten schon zwei Stellungnahmen abgegeben, aber auch Version 2.1 hatten wir alle drei mit Bemerkungen vollgekleckert. Ein Blick auf den vollgekritzelten Papierwust bei Clemens erzeugte bei mir ein breites Grinsen – wir hatten denselben Satz angestrichen:
„Bürgerinnen und Bürger werden auf dieser Ebene zu Ideen- und Feedback-Gebenden oder zu Mitgestaltenden und Partnerinnen und Partnern der Entscheidungsvorbereitenden in der Verwaltung.“
Seine volle Schönheit entfaltet dieser Höhepunkt gendergerechter Formulierungskunst im Zusammenspiel mit diesem Satz fünf Seiten weiter:
„Bei allen Informationen sollen allgemein verständliche Texte verwendet werden und wichtige Materialien in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt werden.“
Ich kritzelte auf einen von Clemens‘ Post-it-Zetteln: „Soll ich beantragen, überall Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung zu schreiben?“  Bürgerbeteiligung ist ein ziemlich ausgrenzender Begriff, nicht wahr? Ich weiß gar nicht, warum ich mich angesprochen fühle.
„Einwohnendenbeteiligung“, flüsterte Clemens.
„Bürgendenbeteiligung“, konterte ich.
Dann starteten wir die verbalen Kettensägen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Sprachmurks: die Bürgenden

  1. Matthias Trénel schreibt:

    Immer her mit den Verbesserungsvorschlägen und zur Bürgerwerkstatt kommen am Dienstag 18 Uhr im Volksbad! Mehr Infos: http://bit.ly/1Wf6loT Grüße, Matthias Trénel (Moderation von Zebralog für die Bürgerbeteiligungsleitlinien in Jena)

  2. Olga schreibt:

    Also ich finde es vollkommen verständlich, wieso sie in Jena nicht ernst genommen werden!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Tja, die Leute von zebralog fanden meinen getwitterten Gegenvorschlag: „Bürgerinnen und Bürger tragen so mit Feedback und eigenen Ideen zu einer besseren Entscheidungsvorbereitung der Verwaltung bei.“ immerhin gut.
      Ich könnte auch einen langen, bierernsten Artikel über Lesbarkeit und Bürgerbeteiligung schreiben, aber nach meiner Erfahrung kommen Botschaften besser an, die einigermaßen witzig sind.
      Und was das Ernstnehmen betrifft: Es gibt eine Menge Leute in Jena, die die Piraten als Verbündete schätzen, und selbst der Stadtkämmerer nimmt sich immer Zeit für uns – vielleicht weil wir die Einzigen sind, die über seine Sparvorschläge ernsthaft nachdenken.
      Ich finde, man sollte niemanden ernst nehmen, der nicht von Herzen albern sein kann.

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