Wer Augen hat zu sehen

Die einheimische Natur ist nach Meinung der Verfasser des neuen Jenaer Stadtbaumkonzeptes einfach zu langweilig.

„Nach Analysen von KIERMEIER (1990) blühen allerdings 90% der einheimischen Gehölzarten von April bis Mitte Juni, haben etwa ein Drittel unscheinbare Blüten und fast die Hälfte unscheinbare Früchte, kommen bestimmte Farben bei Blütenkrone (zum Beispiel orange, blau) oder Frucht (zum Beispiel weiß, orange) nur sehr selten vor. Soll auf die Wünsche nach blühenden Gehölzen im Sommer und Herbst, attraktiven Blüten oder Fruchtschmuck und bestimmten Farben eingegangen werden, dann muss man auch auf nichtheimische Arten zurückgreifen.“

Sie ist nicht bunt genug, hat keine blauen Blüten und keine weißen Früchte. Wenn die in China orangefarbene Blüten an Bäumen haben, dann geht es nicht an, dass Deutschland hinterherhinkt und sich mit weiß und rosa bescheidet. Außerdem blüht das ganze deutsche Gebäum zur gleichen Zeit. Das hat sich über Jahrtausende bewährt – wegen dieser seltsamen Einrichtung, die wir Jahreszeiten nennen. Aber ist das ein Grund?
Dann liest man freilich noch Folgendes:

„In diesen, hauptsächlich zum Wohnen genutzten, Stadtgebieten finden Bäume mit Blüh- und Herbstaspekten, welche die Jahreszeiten erlebbar werden lassen, bevorzugten Gebrauch.“

Jahreszeiten erlebbar werden lassen … Darauf muss man erst einmal kommen. Die Leute haben bisher gar nicht mitbekommen, dass die Bäume im Winter kahl sind, im Frühjahr blühen, im Sommer satt grüne Blätter entwickeln, die im Herbst bunt werden. „Herbstaspekte“? Gibt es einen einzigen deutschen Laubbaum, der sich im Herbst nicht verfärbt? Und wie steigert es eigentlich die Erlebbarkeit der Jahreszeiten, wenn Bäume künftig bis in den Spätsommer hinein blühen sollen? Heißt das als erweiterter Frühling dann Frühherbst? Oder Spätling?
Mit diesem in sich unlogischen Geschwurbel wird begründet, warum in Jenas Wohngebieten mit Schnee-Felsenbirne, Kupfer-Felsenbirne, Schmalblättriger Ölweide, Amerikanischer Gleditschie, Gemeiner Robinie und Sachalin-Korkbaum als invasiv bekannte Baumarten angepflanzt werden sollen. Der Korkbaum ist dabei mein Liebling, denn das Konzept stuft ihn selbst ein mit „Als Straßenbaum ungeeignet“. Um anschließend zu erklären, dass man auf die Neophyten nicht verzichten kann, weil man sonst nicht genügend Straßenbäume hätte.

Auch die Natur steht neuerdings im Wettbewerb der Globalisierung. Wer nicht in der Lage ist, die Schönheit der einheimischen Pflanzen zu sehen, der wird nicht etwa aufgeklärt – der bekommt eine Disney-Version von Natur.

Für alle, bei denen noch Hoffnung ist, hier ein paar Beispiele mit Blüh- und Herbstaspekten (irgendeins anklicken, um die Galerie zu öffnen):

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Wer Augen hat zu sehen

  1. monologe schreibt:

    Bei uns in Lübeck stehen nahe am historischen Altstadthafen etliche 40 „Winterlinden“. %0 Jahre sind sie wohl alt, eine jede steht eingekachelt oder -betoniert wie in einem sehrsehr engen Blumentopf. Der Stadtrat meint, die wachsen nicht mehr. Nun will man den gesamten Komplex der „Untertrave“, also von der Hafenkante bis zur gegenüberliegenden Häuserfront samt 4-spuriger Straße neu „gestalten“, heißt Fußgängerzonen schaffen für die Touri-Massen, die dann, wie woanders schon in der Stadt, umgewidmet, heißt vermietet, werden an Cafébetreiber. Im Zuge dieser Umgestaltung sollen die Winterlinden gefällt, Japanische Schnurbäume dafür gepflanzt werden. Da Sie sich offenbar sehr gut mit sowas auskennen: Was halten Sie davon?
    Gruß

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Kurz gesagt: nichts. Ausgewachsene, gesunde Bäume (also solche, die nicht regelmäßig mit Ästen werfen oder große Faulstellen haben) sollte man tunlichst stehenlassen. Neben ihrem ästhetischen und ökologischen Wert sind sie auch die Klimaanlage der Stadt: filtern Staub, verstoffwechseln Sonne, werfen Schatten und befeuchten die Luft. Da kommt es auf die Größe an.
      Der Schnurbaum ist (noch) nicht invasiv, aber das kann auch daran liegen, dass man ihn noch nicht so lange pflanzt. Es dauert meist Jahrzehnte, bis sich ein Exot etabliert.
      Da die Winterlinden sehr hart im Nehmen sind, gibt es keinen Grund, sie auszutauschen. Eher wäre es eine gute Idee, Fläche zu entsiegeln und Blumen drauf zu pflanzen.
      Ich weiß nicht, wie die Lübecker in Sachen Bäume reagieren – in Jena würde ich Plakate an die Fällungskandidaten kleben (geht gut mit Pflaster!). Auf die Meinung des Stadtrates sollte man grundsätzlich nichts geben. Der ist in Sachen Ökologie vermutlich ebenso ahnungslos wie unserer.
      Grüße nach Lübeck!

  2. monologe schreibt:

    Vielen Dank! Tja, die Lübecker reagieren genau so. Es gibt eine Bürgerbewegung gegen den Plan, die Linden zu entfernen. Tatsächlich scheint die Stadtverwaltung stur bleiben zu wollen, hat einer Abordnung kein Rederecht zgestanden – mal sehn, wies weitergeht. Es ist aber klar, dass sowas von vornherein demokratisch hätte entschieden werden müssen. Aber die wissen schon genau, wo ihre Wünsche dann landen. Ich fand und finde die invasive Eigenschaft gewisser Pflanzen interessant. Ich werd Sie auf dem Laufenden halten.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In Thüringen gibt es das Recht, Einwohneranträge in den Stadtrat einzubringen. Mit 300 Unterschriften von Einwohnern ab 14 Jahre erwirbt man das Recht, einen Antrag wie eine Fraktion einzubringen. Der muss dann behandelt werden, kann aber auch schnöde abgelehnt werden.
      Besser ist es allemal, so etwa 3.000 Unterschriften einzureichen. Das ist ein erhebliches Wählerpotential und bereitet Kopfzerbrechen. Sicher finden sich auch Experten von NABU, BUND oder ähnlichen Naturschutzgruppen, die in den lokalen Medien mit Kompetenz Druck aufbauen können. Bei uns gibt es obendrein einen Naturschutzbeirat (Landesgesetz) und eine Baumschutzkommission (stadteigene Idee). Die verhindern auch nicht genügend, aber es lohnt sich immer, die Akteure zu vernetzen und aus allen Rohren zu schießen.

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