Geklärtes Phänomen: Der Iler

Jeder, der Kreuzworträtsel macht, kennt es: das Schabeisen der Kammmacher, Lösungswort Iler. Es fällt in die gleiche Kategorie wie das finnische Längenmaß namens Aln oder Egide, der Apostel der Grönländer – im wirklichen Leben zu nichts nütze, im Wörterraster ein unausrottbarer Lückenfüller.
Ich gehöre zum Wieso-weshalb-warum-Typ. Irgendwann wollte ich wissen, was so ein Iler eigentlich ist. Wikipedia Fehlanzeige. Google auch Fehlanzeige, Suche in anderen Sprachen völlig überflüssig, da kein Mensch weiß, wie ein Iler da heißen könnte, denn die Wörterbücher … naja. Fehlanzeige halt.
Eines Tages tauchte auf dem Mittelaltermarkt im Jenaer Faulloch ein Kammmacher auf. Meine Augen leuchteten, ich fasste Hoffnung.
„Guten Tag.“
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Könnte ich vielleicht mal Ihren Iler sehen?“
„Meinen was?!“
„Iler. Das Schabeisen der Kammmacher.“
„Was soll das denn sein?!“
Also, ich kenne eine Menge Worte für das Ding, das Männer zwischen den Beinen haben. Iler gehört nicht dazu. Aber so schaute er drein. Ich blieb unerleuchtet und demoralisiert zurück. Der Kammmacher hat kein Schabeisen. Mist. Eine zweite Jagd im Internet förderte immerhin ein Kammmuseum zutage, und zwar im Mümliswil in der Schweiz. Die gaben auf Anfrage an, einen Iler zu besitzen. Aber die Schweiz ist von Jena ziemlich weit weg. Das Heimatmuseum Altenburg ist zwar gleich um die Ecke und wirbt damit, eine Kammmacher-Werkstatt zu haben, hatte aber keine Ahnung, was ein Iler sein könnte. Ich brütete fünf Jahre über dem Iler-Problem und erwog, Urlaub in der Schweiz zu machen.

Themenwechsel: Als Arnold Bucher in der Science-Fiction-Redaktion des Wurdack-Verlages auftauchte, knallten die virtuellen Sektkorken (die Redaktion hatte sehr lange Korridore zwischen Oberpfalz, Baden und Ostthüringen, das macht das Anstoßen schwierig). Wir hatten einen echten Schweizer, und der schrieb auch noch gute Storys. Seinen nüchternen, dialoglastigen und satirischen Stil und seinen inhaltlichen Anspruch fand ich sofort sympathisch. Inzwischen ist die SF-Reihe zwar dem e-Book-Unwesen bei amazon zum Opfer gefallen (wo dann hoffnungslos unlektorierte Bücher erscheinen, die einem die Tränen in die Augen treiben), aber Arnold gibt es noch.
Kürzlich meldete er sich und fragte, ob ich nicht seine Erzählungssammlung lektorieren würde. Ich hatte Lust. Manchmal hängt mir die Politik zum Halse heraus. Aus Neugier fragte ich das Internet, wo der sagenhafte Schweizer zu Hause ist. 60 km von Mümliswil, dem Ort mit dem geheimnisvollen Iler! Ein Zeichen der Vorsehung. Also schrieb ich, dass ich das mit dem Lektorat machen würde, wenn er für mich nach Mümliswil führe und mir ein Foto vom Iler machte. Das klingt wie etwas aus einem Fantasyroman, aber Arnold fand es spannend.
Deshalb weiß ich jetzt, dass der Iler eine Sonderform des Dreikantschabers ist, mit dem man die weichen Teile des Horns wegkratzte und scharfe Kanten brach. Und hier ist es, das erste und einzige Foto im Internet vom Schabeisen des Kammmachers, dem Iler:

Iler

Iler, Kammmuseum Mümliswil, (c) Arnold Bucher

Danke, Arnold. Und bei Gelegenheit werde ich sein Buch heiß und herzlich empfehlen – ich lektoriere grundsätzlich nur Dinge, die ich bedenkenlos weiterempfehlen kann.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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7 Antworten zu Geklärtes Phänomen: Der Iler

  1. Rüdiger Zorn schreibt:

    Endlich weiß ich, wie das was ich schon hunderte Male geschrieben habe, aussieht. Vielen herzlichen Dank!
    Rüdiger

  2. Nick schreibt:

    Deine Neugier und Hartnäckigkeit finde ich sehr sympathisch! Danke für’s Teilen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Der Dank gebührt meinem Schweizer Agenten Arnold Bucher. Aber vielleicht fahre ich eines Tages mal selbst nach Mümliswil. Arnold hat mich mit einer ganzen Fotoserie zum Thema Kammherstellung versorgt, und es sah ziemlich spannend aus.

  3. Klaus-Dieter Erich schreibt:

    …denke das ist er eher nicht, der Iler…
    ich habe eine andere Lösung gesehen, leider kann ich die Quelle nicht mehr finden.
    Das dort als Iler bezeichnete und sogar abgebildete Gerät sah ganz anders aus: es war eine Art gestielter Schaber, ein an einer kurzen Stange mit Handgriff quer zur Achse angebrachtes Blech, einseitig leicht gerundet; so wie man es in dreieckiger Form als Farbabkratzer in jedem Baumarkt finden kann…
    Früher wurden Kämme aus Tierhörnern hergestellt, mit dem Iler wurde das in kochendem Wasser mit Zusätzen (Alkali?) weich gemachte Horn innen so lange ausgeschabt (Schabeisen, sic!) bis es glatt war und die gewünschte Stärke aufwies; dann aufgeschnitten und noch heiß platt und eben gedrückt. Nach dem Erkalten erhielt man dann die wiedererhärteten Rohlinge aus denen die Kämme gesägt wurden…

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Also wenn das Ding in einem Kamm-Museum in einer tradionsreichen Kammmacherstadt als Iler ausgestellt wird, dann klingt das für mich schon sehr überzeugend. Veilleicht unterscheidet sich die Bauform ja regional. Das jedenfalls ist in der Schweiz ein Iler.

  4. Klaus-Dieter Erich schreibt:

    Nun, ich will Ihnen Ihren Iler nicht madig machen, aber meine Version hat doch auch einen gewissen Charme und klingt doch nicht nach Science Fiction, oder? Im Grunde meinen wir beide dasselbe: ein Schabegerät zur Entfernung von unerwünschten Unebenheiten an Tierhörnern zur Vorbereitung derselben auf die Kammherstellung…
    womöglich sollten wir einen Iler-Blog aufmachen, wer weiß was dabei noch alles an Iler-Varietäten rauskommt…
    evtl. auch gleich auf weitere Kreuzworträtsel-Plattheiten ausdehnen: den fränkischen Hausflur, die arabische Langflöte, das südamerikanische Faultier…
    Als Chemiker kann ich mit dem Thema Ihrer Promotion gut umgehen, sehr interessant…
    Von der promovierten Physikerin zur SF-Autorin, alle Achtung
    das müssen Sie jetzt nicht veröffentlichen, lesen und gut is
    schöne Grüße aus dem Vogtland
    Ihr Klaus-Dieter Sepp (bitte jetzt nicht googeln, LOL)

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das veröffentlicht sich von ganz allein, wenn ich einmal festgestellt habe, dass der Kommentator weder ein Werbetreibender noch ein Troll ist …
      Wie gesagt: Vielleicht gibt es verschiedene Iler-Bauarten. Das war der erste, den ich auftreiben konnte. Man darf ihn im Museum auch ausprobieren (sie haben da einen nicht-originalen). Mein Schweizer Außenposten hat das getan. Über Iler-Ergänzungen würde ich mich freuen.
      Das Faultier dagegen gibt es wirklich und wird immer noch angewendet. In Dresden im Zoo kann man eins bewundern, dass sich völlig frei in einer großen Halle bewegen darf und als Einschienenbahn an den Geländern entlang hastet (wenn es gerade Futter gibt). Nichts gegen Faultiere! Die sind enorm sympathisch. Die arabische Langflöte habe ich auch noch nicht gesehen.

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