Das Geheimnis von Cahors

In Jena wird praktisch jeder irgendwie freie Platz bebaut. Nachverdichtung nennt sich das und ist das Vaterunser grüner Stadtentwicklung. Weil man damit angeblich die Wege verkürzt, was bei über 35.000 Ein- und Auspendlern täglich nicht wirklich überzeugend klingt. Wo kein Haus entsteht, aber „aufgewertet“ wird, da ist hinterher einheitlich gepflasterte Fläche, in der Restbäume wie Fremdkörper wirken.
Es geht auch anders. In Cahors zum Beispiel. Da wird jede freie Fläche in der Altstadt bepflanzt. „Jardins Secrets“ nennt sich das Ganze. So geheim sind sie eigentlich nicht, denn es gibt sogar eine Broschüre mit Stadtplan dazu. Die meisten habe ich allerdings beim Herumstreunen einfach so gefunden. Schwer zu sagen, was Ursache und Wirkung ist: Herumstreunen oder Gartenfinden.

(Anklicken, um die Galerie zu öffnen)
Angefangen haben die gärtnerischen Umtriebe vor rund zehn Jahren. Man hat da und dort Gärten mit mittelalterlichen Themen angelegt. Im Hof des Bischofspalastes gibt es mittelalterliches Gemüse, hinter der Kathedrale einen Heilpflanzengarten, am Ort des ehemaligen Nonnenklosters den Garten der Frauen, der außerdem den Garten der Düfte beherbegt. An der Stadtmauer findet man den schachbrettartig karierten Garten der Kreuzzügler, und auch die Fee Melusine hat einen. Ach ja – nicht zu vergessen den Garten der Trunkenheit am Lot-Ufer, in dem Malbec-Trauben reifen. Alle Gärten sind liebevoll bepflanzt und mutmaßlich gegossen, denn das Wetter ist heiß und trocken, und trotzdem blüht alles. Manche sind gerade mal einen halben Quadratmeter groß, ein Hochbeet in einem Häuserwinkel. Andere sind ausgewachsene Parks, und Melusine hat dazu einen großen Springbrunnen.
Inzwischen ist die Initiative als „bemerkenswerter Garten“ vom französischen Kulturministerium geadelt worden. Aber viel schöner und lustiger: Überall laufen Touristen mit Faltblättern herum und stöbern in den Winkeln der Stadt. Und die Einheimischen sitzen auf den Bänken (mit Lehnen!) und schauen zufrieden ins Grün.
Jena aber, wenn es den Tourismus beleben möchte, kommt ausnahmslos auf Projekte, die Millionen verschlingen und aus Steinen bestehen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Das Geheimnis von Cahors

  1. Waldbesucher schreibt:

    Welch schöne Vorstellung. Grüne Winkel, liebevoll gepflegt, nur fast perfekt. Für Jena eine Utopie…

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