20 Jahre Rechtschreibdeform

Darauf habe ich gewartet: 20 Jahre nach der Rechtschreibreform hat man untersucht, wie sich die „Vereinfachung“ ausgewirkt hat. Schau an: Die Zahl der Rechtschreibfehler in Diktaten hat sich verdoppelt! Besonders häufig wird das falsch geschrieben, was geändert wurde. Irgendwie kein Wunder, denn die wenigsten neuen Regeln sind irgendwie nachvollziehbar, und mindestens drei Viertel der Leute, die vor 1996 Lesen und Schreiben lernten, ignorieren sie ohnehin. Kein Mensch versteht, warum „allein Stehende“ irgendwie sinniger sein sollte als als „Alleinstehende“ – außer in Sätzen wie: „Allein Stehende konnten etwas sehen, während Sitzende und Liegende sich mit dem Ton begnügen mussten.“ [inzwischen einer der Rückruderfälle]
Ich habe immer wieder mit Autoren zu tun, die mir erklären, diese Art von Schreibung könnten sie nicht akzeptieren. „Aufwändig“ etwa, das angeblich von „Aufwand“ und nicht von „aufwenden“ kommt, „Stängel“ oder „sodass“. Es sieht einfach grauenvoll aus, und deshalb haben wir vor Jahren beschlossen, diesen Anarchismus durchgehen zu lassen. Oder durch gehen zu lassen?
Hinzu kommt, dass man in etlichen Fällen zurückgerudert ist und andere zu Kann-Bestimmungen gewandelt hat. Erweiterte Infinitive mit „zu“ dürfen auch weiter mit Komma abgetrennt werden, wenn es der Lesbarkeit dient. Praktisch alle Zeitungen und Verlage hängen dem Glauben an, dass es das tut. Es scheint, die Schule lehrt das anders und streicht das an. Zumindest meine Studenten lassen Kommas gern weg, auch andere. Die allgemein befolgte Regel lautet: Kommas kann man setzen, wenn einem danach ist – und bei Aufzählungen.
Selbst die Regel, dass ß im Falle eines kurzen Vokals durch ss zu ersetzen ist, scheint nicht zu funktionieren, obwohl sie die einzige ist, die in sich logisch und erklärbar ist. Geht mir auch so. Meine Finger hängen gern an alle möglichen „das“ ein zweites S, weil es irgendwie dazuzugehören scheint, so wie ein englisches „is“ von ihnen zum „ist“ ergänzt wird. Das haben wir schon immer so gemacht. Das Gehirn muss das anschließend bereinigen.
Der Unsinn hat dem Duden-Verlag zwei bestens verkaufte Auflagen beschert, den Reform-Duden und den Reform-der-Reform-Duden. Das war’s auch schon. Vielleicht sollte man die Rechtschreibung wieder der gängigen Praxis anpassen, nachdem das Geschäft abgeflaut ist und die Verursacher der Deform in Rente gegangen sind.

Die tatsächlich wissenschaftliche Arbeit zum Thema scheint acht Jahre alt zu sein – wurde aber letzte Woche zum Hype.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu 20 Jahre Rechtschreibdeform

  1. Klaus schreibt:

    Ach ja, ein Elend.

    Manche Leute scheinen zu glauben, dass es überhaupt kein „ß“ mehr gäbe. Ich sehe viele Mails „mit freundlichen Grüssen“. Und an der Philharmonie hängt ein graviertes Schild mit „…strasse“.in der Anschrift.

    Die Regel mit langem Vokal = „ß“ ist auch nicht in jeder Region logisch. Hier in der Kurpfalz ist das „a“ in Spaß eindeutig 😉 ein kurzer Vokal.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In der Schweiz haben sie das ß tatsächlich und schon länger abgeschafft.
      Ich dachte, im Westen Deutschlands würde man „Spass“ schon immer mit 2 S schreiben? Aber Dialekte sind ein weites Feld. Für das Sächsische enthält die Standardschriftsprache viel zu viele überflüssige Vokale …

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