Unterwegs als linker Terrorist

In den 90ern war es üblich, dass zum 17.08. die NPD in Jena marschierte. Irgendwo standen eingekesselt eine Handvoll Gegendemonstranten und ballten ohnmächtig die Fäuste.
Inzwischen wissen wir vom NSU, von der großzügigen Finanzierung der Nazis durch den Thüringer Verfassungsschutz und der Unverbietbarkeit der NPD, weil sie zur Hälfte aus V-Leuten besteht. Kann man fragen: Hat der Verfassungsschutz die Naziszene unterwandert oder umgekehrt? Und wir haben gelernt. Wir lassen uns nicht mehr einfach einkesseln.

j1708

Das Verwaltungsgericht Gera kann keinen Zusammenhang mit Heß erkennen.

17.08.2016. Das Verwaltungsgericht Gera sieht wieder mal keinen Zusammenhang zwischen einer Thügida-Demo und dem Todestag von Rudolf Heß. Der Oberbürgermeister hat rings um die Nazi-Demo „Bezahltem linken Terror beenden!!!“ (Ausrufezeichen im Original) per Allgemeinverfügung eine gegendemofreie Zone einrichten lassen. Der Hauptausschuss des Stadtrates konnte sich nicht dazu durchringen, einen Aufruf zum zivilen Ungehorsam zu verabschieden. Ich hörte, die CDU bestand auf einem Satz gegen linke Chaoten. Mehr als ein verdruckstes: „Wir sind alle gute Demokraten“ kam nicht zustande.
Den Bürgern ist es egal. Natürlich sind wieder ausschließlich Studenten da, unter anderem das gesamte Seniorenkolleg der Uni, ein Historiker von der Uni, ein Chirurg aus meinem Sportverein, ein ehemaliger Kollege – alle Ü50 wie ich, ein achtjähriger Junge mit Transparent und ein süßer kleiner Fusselhund. Übrigens auch ein Bundestagsabgeordneter, einer aus dem Landtag und mindestens vier Stadträte in meinem Ende der Demo.
Eine Bekannte erzählt mir, die Polizei hätte sofort zum Reizgas gegriffen, als ein paar Dödel (ja, das meine ich ernst) die Polizeisperre zu durchbrechen versuchten. Sie hätten wahllos alles angesprüht, was vor ihnen stand, auch völlig harmlose Bürger. Daraufhin ist sie hingegangen und hat auf die kleinen Kinder in der dritten Reihe der Demo hingewiesen. Polizist: „Selber schuld!“ Sie ist immer noch fassungslos. Die Polizei macht einen ausgesprochen uncoolen Eindruck, was ich begreife, als ich später ein Foto von einem Dresdner Nummernschild sehe. Wer hat ausgerechnet die angefordert?
Die Nazis werden mit Sonderbussen des Jenaer Nahverkehrs vom Bahnhof zu ihrem Kundgebungsort transportiert. Wenn ich der Busfahrer wäre, würde ich mich weigern. Oder über Lobeda fahren.
Als die Nazis reden, ist der Lärm ohrenbetäubend. Ich zweifle, dass sie selbst irgendwas von dem verstehen, was sie von sich geben. Der Polizeihubschrauber, der über der Veranstaltung kreist, unterstützt die lärmende Zivilgesellschaft aufs Schönste. Nachmittags kreiste er über Lichtenhain, dem Kernland der Revolution in Jena. Die Menge ist fröhlich. Man schenkt mir zwei Tomaten und eine Trillerpfeife. Das ist er, der bezahlte linke Terror. Hätte auch Luftballons mit Friedenstauben gegeben, aber die überlässt man den Kindern.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Unterwegs als linker Terrorist

  1. Waldbesucher schreibt:

    Ich habe den Sarg gesehen, den Thügida mit sich führte, mit der Aufschrift „ANTIFA“ drauf. Ist das nicht eine Drohung mit dem Tode? Ist das nicht ein Grund zum sofortigen Abbruch der Veranstaltung? Das verlässt meines Erachtens den Boden unserer Verfassung sehr deutlich. Kann man damit nicht künftige Demos des Vereins untersagen?

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