Rübenstein und Knollbeerbowle in Gera

knolle

Wenn man in Weimar DDR-Kunst ausstellt, dann wird es meist unerfreulich, obwohl man letztens die Bilder immerhin wie Bilder aufhängte und auf die Überschrift „entartete Kunst“ verzichtete. Dafür ritt man umso mehr auf dem Auftragscharakter herum – als würden Künstler im Westen von Luft, Liebe und Kunst leben.
Gera ist anders, vermutlich deshalb, weil die Stadt im Deutschland nach der DDR keine besonders guten Erfahrungen gemacht hat. Gera ist Schrumpfungszone, Überalterungsgebiet und Industriebrache. Und zeigt im Stadtmuseum „Comics in der DDR“. Den Texten merkt man an – da war einer mit Herzblut bei der Sache. Ja, das ist schamlos nostalgisch und relativ unwissenschaftlich.
Es gibt ein paar Erklärungen, was ein Comic eigentlich ist (die mir hoffnungslos veraltet vorkamen), und Erläuterungen zur politischen Kleinwetterlage in der größten DDR der Welt. Die sind ziemlich nüchtern und passfähig zu den Erinnerungen. Ja, die Bildgeschichten zum Partisanenkampf und den Heldentaten der Sowjetarmee hat man eher lustlos gelesen. Was zu sehr nach sozialistischen Jungpionieren klang, die Omas die Tasche tragen, wurde gelangweilt überblättert. Der Wunsch der Oberen nach mehr Zukunft katapultierte dazumal die Digedags in den Weltraum. Über Jahrzehnte tobte ein erbitterter Kampf um Sprechblasen, die aus Gründen als dekadent und unsozialistisch galten – und Geräuschblasen wie „Klirr!“, „Zisch!“ oder „Krawumm!“ schon gar. Das ist die absurde Welt der DDR-Kulturpolitik, wie man sie kannte. Auch dass der Missionschef von „Karl Gabels Weltraumabenteuern“ (Erich Schmitt) zwischen Erstveröffentlichung und dickem Buch vom Weimarer zum Sowjetmenschen mutierte, verblüfft den gelernten DDR-Bürger nur mäßig.
Ansonsten ist es wie beim Blättern in alten Fotoalben. „Ach ja!“, denkt man. Und dann: „Ach ja!!!“ Denn neben den obligatorischen Digedags und Abrafaxen ist alles versammelt, was die Kinderzeitungen der DDR füllte: der Matrose Tim aus dem Bummi, Fix und Fax aus der Atze, Atomino (ein Italiener übrigens) ebenso wie Otto und Alwin aus der Frösi, diverse Comics von Attila Dargay, die (bessere) ungarische Antwort auf Disney, aus der Trommel, und die Matufflis von der Knolle aus der NBI. Eine rundum glückliche Kindheit, erstaunlich bunt und lustig, auch wenn immer mal ein klassenkämpferischer Zeigefinger hochschnippte. In der Ausstellung kann man Spaß haben, ohne sich über die Überheblichkeit eines Kurators zu ärgern. Keiner erklärt einem, wie weit die Comics der DDR, die Bildergeschichten hießen, hinterm Berg waren. Die Graphic Novel wurde in der DDR bis zu ihrem Ende nicht entdeckt. Doch wenn es Kinder glücklich machte und zum Lesen brachte, war alles Mögliche möglich – und das ist etwas, woran man sich gern erinnert.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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