Sensible Abkürzungen

Die Arbeit am Aktionsplan Inklusives Jena erfordert sprachliche Härte. Er liest sich etwa so gut wie das Branchentelefonbuch.
Ein Problem ist, dass auf dem Wege der Euphemismus-Treppe jedes einfache Wort durch ein kompliziertes Konstrukt ersetzt wird. Früher sagte man Krüppel, Blinde, Taube, Stumme. Oder Sehschwache und Schwerhörige. Wenn es darum geht, für ihr ganz eigenes Problem Hilfe und Lösungen zu finden, ist es durchaus hilfreich, konkret zu benennen, was das Problem eigentlich ist. Es gibt einen Blinden- und Sehschwachenverband, und der wird von der Stadt finanziell unterstützt. Er heißt so, weil es ihn schon Ewigkeiten gab, als man die Sensible Sprache erfand.
Allerdings meint man inzwischen, diese Bezeichnungen würden die Menschen auf ihr Leiden reduzieren. Also versuchte man es mit „Behinderte“. Prompt bekommt man zu hören, behindert sei man nicht, das werde man – als sei es die Bosheit der Nichtbehinderten, die Blinde stolpern lässt. Tatsächlich unternehmen wir eine ganze Menge, um ihnen das Leben zu erleichtern, wenn auch vielleicht noch nicht genug. Ich habe noch keinen erlebt, der einem Blinden Beine stellt, ihn also absichtlich behindert.
Auch dieses Wort war also nicht gut genug. Man muss sagen, dass es Menschen sind. Behinderte Menschen also. Geschafft? Mitnichten. Der Mensch ist schließlich wichtiger als die Behinderung und gehört deshalb nach vorn: Menschen mit Behinderung. Uff. Das ist freilich ziemlich unhandlich und schreit nach Vereinfachung. Die heißt dann „MmB“.
Ist es wirklich sensibler, einen Blinden „MmB mit visueller Beeinträchtigung“ zu nennen? Wo bleibt da verdammt noch mal der Mensch? Und grenzt es nicht die aus, die ohnehin schlecht sehen und sich mit vier statt einem Wort herumschlagen müssen, wovon das eine noch dazu gar kein Wort ist, also schlecht erkennbar? (Andernorts fordert man, Informationsreduzierung zu prüfen – der Übersichtlichkeit halber).
Immerhin kenne ich auch einen Sehbehinderten, der über alle vier Backen grinst, wenn ich ihn „Ratte“ oder „Sauhund“ nenne, weil ich damit zugebe, dass er mich mal wieder ausgetrickst hat. Er ist in unserer Jiu-Jitsu-Gruppe bestens inkludiert. Ihm stelle ich freilich auch Beine – sonst würde er sich diskriminiert fühlen.

PS: So erschreckend es ist, dass Bürger meinen, sie würden nur ernstgenommen, wenn sie dieses scheußliche Verlautbarungsdeutsch in sensibler Ausformung verwenden – eigentlich ist die Stadt der Versager. Sie leistet sich einen Bereich Öffentlichkeitsarbeit beim OB, einen Pressesprecher, eine zweiköpfige Internetredaktion, eine Marketingabteilung bei Jenakultur und und und. Aber sie schafft es nicht, ihren behinderten Bürgern mal einen Profi an die Seite zu stellen, der so ein Konzept in Form bringt. Wie armselig ist das? Auf ihrer Website findet man nicht einmal den Beauftragten für MmB.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Sensible Abkürzungen

  1. Waldbesucher schreibt:

    Danke für diesen Beitrag. Neulich erst war ich im Kindergarten zum Elternabend. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Vorschulgruppe (auf die sich mein Kind wie Bolle freut) nicht mehr so heißen darf. Schließlich war Vorschule gestern, heute ist das „Schulvorbereitung“. Ach ja, und das schöne Wort „Kindergarten“ wurde ja auch schon lange vom sperrigen „Kindertagesstätte“ abgelöst – warum auch immer. Im Behindertenbereich ist das ganz schlimm: Die Kastanienschule Jena, eine Schule für geistig Behinderte, heißt derzeit offiziell: „Staatl. regional. Förderzentrum
    Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“. Da muß man richtig lernen, um das zu behalten…

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