Der Most Stupid Tourist Award

Zum ersten Mal habe ich diesen Preis mental in Nordirland am Devil’s Causeway vergeben. Ein Pärchen stand mitten vor dem perfekten Fotomotiv und fotografierte sich etwa eine Viertelstunde lang gegenseitig oder auch gemeinsam, ohne dass das Ergebnis jemals gut genug gewesen wäre. Sie konnten nicht genug davon bekommen. Dass ich ihnen mit der Kamera im Anschlag gegenüber stand, interessierte sie nicht, denn sie waren mit Abstand die wichtigsten Menschen der Welt, und da kann man schon erwarten, dass andere warten. Deshalb hat der Preis einen englischen Namen. Ich war gerade in Großbritannien, und praktisch alles hatte englische Namen.
Eine Familie im englischen Dartmoor konnte sich auch qualifizieren. Die stand so lange auf der historischen Brücke und fotografierte sich gegenseitig, bis sich mein Mann daneben stellte und tapfer in die Kamera grinste.
In diesem Jahr geht der Preis an drei japanische Touristinnen, die mich in den Wahnsinn trieben. Die Sonne war vorgekommen, und die goldenen Kreuze am Kloster zu Česky Krumlov glänzten wie frisch poliert. Es war zauberhaft, bis auf die drei Japanerinnen unterm Torbogen. Natürlich kamen auch andere Menschen durch, aber die bewegten sich und verschwanden nach wenigen Sekunden aus dem Bild. Nicht so diese drei, die natürlich auch noch jede eine rosafarbene Tüte in der Hand hatten. Rosa ist so ziemlich die letzte Farbe, die man auf einem Foto von einem alten Kloster haben möchte.moststupid
Sie fotografierten sich selbst und sich gegenseitig, sie fotografierten die durchlaufende Katze so ausgiebig, als sei sie das nächste Topmodel. Sie setzten sich an einen Tisch der Gaststätte links im Bild, und ich atmete auf. Da waren sie praktisch unsichtbar. Nur lief just da eine Familie mit einer pinkfarbenen Jacke durchs Bild. Kaum war sie weg, sprangen die drei mit den Tüten wieder auf und stellten sich unter den Torbogen. Zuweilen waren tatsächlich zwei außerhalb des Blickwinkels, aber die Dritte stand unweigerlich mitten im Bilde. Es gipfelte darin, dass alle drei andächtig ihre Handys konsultierten, obwohl ich seit ungefähr zehn Minuten mit der Kamera in der Hand dastand und auf sie zielte. Es störte sie nicht, denn was kann schöner sein als ein Urlaubsbild mit ihnen im Zentrum? Genau das wollten sie doch auch! In diesem Moment drückte ich ab, und sie hatten Glück, dass es nur eine Canon und keine Kanone war.
Ich gab auf, als mein Mann mit Gewalttätigkeiten drohte. Natürlich verschwanden sie, kaum hatte ich den Platz geräumt, auf der Hauptgasse. Es war ein Triumph der guten Erziehung, dass ich ihnen nicht wenigstens ihre rosa Tüten aus der Hand riss und darauf herumsprang. Ich hastete zurück – und hatte mein Foto. Vielleicht ist es nicht das beste, aber es ist hart erarbeitet.klaster_krumlov
Solltet ihr das japanische Trio irgendwo sehen – lasst alle Hoffnung fahren.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Der Most Stupid Tourist Award

  1. Inge schreibt:

    Einen ähnlichen Preis könnte man an Konzertbesucher verleihen, die einem die ganze Zeit ihr Handy oder gar Tablet ins Bild halten, um anschießend das hundertfünfundachtzigste Video der Band in saumäßiger Qualität auf Youtube zu posten…

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