Unsichtbar

Ich habe mich gerade durch 391 Bürgermeinungen zum aktuellen Stand der Eichplatzplanungen gearbeitet. Nummer 390 war eine Stellungnahme einer lokalen Gruppe namens „Recht auf Stadt“. Die fordern unter anderem „Alle Betroffenen im Prozess einbeziehen!“ Klingt soweit logisch. Fordere ich auch alle Naselang. Deshalb haben wir der Stadt in den Ohren gelegen, bis sie die aktuellen Entwürfe im Rathaus ausstellte, wir haben Öffnungszeiten bis 18 Uhr und am Sonnabend ermöglicht (indem Leute der BürgerAG Eichplatz Museumswächter spielten) und uns auf die Straße gestellt, um für die Ausstellung zu werben.
Reicht nicht, meint Rechtaufstadt. Sie erklären, wen sie meinen:
rechtaufstadt
Diese Stelle musste ich zweimal lesen, weil ich dachte, ich hab was an den Augen. Und dann sehr tief durchatmen.
Die Proteste gegen die vorherige Eichplatzplanung wurden von drei Frauen angeführt. Unsichtbar haben wir vor 1000 Leuten Reden gehalten, unsichtbar auf dem Podium von Diskussionsveranstaltungen gesessen, unsichtbar hatten wir Auftritte im lokalen Fernsehen und in der Presse … Ich habe im Rathaus den ersten Bürgerantrag in der Geschichte der Stadt vorgetragen. Unsichtbar, vor laufender Kamera. Weil wir uns im Prozess der Bürger*innenbeteiligung nicht durchsetzen können! Leute, wir haben uns durchgesetzt, als es überhaupt keinen Bürgerbeteiligungsprozess gab. Wir haben auf der Basis von Kleinstspenden (größtenteils in Münzen) den Großkonzern ECE ausgebremst. Natürlich waren auch Männer dabei. Ich hatte zwei zauberhafte Stellvertreter und Dutzende Unterstützer beiderlei Geschlechts.
Ehrlich – ich fühle mich beleidigt, stellvertretend auch für all die wunderbaren Frauen, die Flugblätter verteilten, Unterschriften sammelten, Transparente trugen, demonstrierten, Leserbriefe schrieben, Begonien pflanzten. Wir sind nicht unsichtbar. Wir sind keine hilflosen Wesen, die man an der Hand nehmen und beteiligen muss. Ist diesen wohlmeinenden Menschen eigentlich klar, wie klein sie uns mit dieser paternalistischen Argumentation machen?
Danke, Leute. Bisher sind wir gut ohne euch über die Straße gekommen.

PS: Während ich in der Rathausdiele saß und Plakate und Bürger bewachte, kamen mehr Frauen als Männer, um sich zu informieren. Ich forderte alle auf, ihre Meinung nicht nur zu haben, sondern auch aufzuschreiben. Die 391 Quittungen habe ich jetzt ja bekommen … Freiraum ohne Konsumzwang gehört übrigens zu den beliebtesten Bürgerforderungen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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