Das Ende der Überheblichkeit

Nicht weniger als das Ende des Nobelpreises als ernsthafte Institution wittert der Kommentator des WDR, weil man in diesem Jahr einen Mann namens Robert Zimmermann damit ausgezeichnet hat. Er fragt, ob man den ernsthaft in eine Reihe mit Winston Churchill und Günter Grass stellen wollte. Äh, nein. Zukurzgekommene meinen, wirkliche Literaten (also sie) seien leer ausgegangen.
Wenn man die Argumente aufdröselt, kommt etwa Folgendes heraus: Das Zeug, was der Kerl schreibt, reimt sich, folgt einer festen Metrik und lässt sich singen. Über Jahrhunderte galt das als Ausweis für Lyrik (hier vermute ich mal, das Wort hat was mit der Lyra zu tun, einem Musikinstrument …). Wir erinnern uns freundlich an Herrn Walther, den von der Vogelweide, oder die unbekannten Verfasser der Edda. Gut, die haben nicht gereimt, sondern gestabt, aber sie haben ihre Literatur gesungen. Kein Mensch mit gesundem Verstand würde Walthern oder Snorri Sturluson (der die Edda sozusagen wissenschaftlich aufgearbeitet hat) absprechen, Weltliteratur geschaffen zu haben.
Nummer zwei: Das Zeug wird freiwillig konsumiert. Millionen haben Bob Dylans Lieder gehört, mitgesungen, gesummt, getanzt. Ganz schlecht. Hat irgendeiner von euch Winston Churchill gelesen? Ich war bass erstaunt, dass er überhaupt etwas geschrieben hat – Berichte aus den britischen Kolonialkriegen. Und Grass? Hab ich freiwillig gelesen, zwei Bücher. Das erste war dünn und ganz in Ordnung. Als er den Nobelpreis bekam, kaufte ein katalanischer Freund eins seiner Bücher und fragte mich hernach entnervt, was ich davon hielte. Ich beruhigte ihn. Muss echte Literatur etwas sein, was keiner freiwillig lesen würde?
Zugegeben, das Nobelpreiskommittee hat die Sache versenst. Terry Pratchett ist tot. Seine Bücher leben, etwa die grandiose Szene, in der ein Polizist aufs Schlachtfeld rennt und zwei komplette wutschnaubende Armeen verhaftet – wegen Landfriedensbruchs. Terry wird es verschmerzt haben. Immerhin haben Millionen Menschen seine Bücher gelesen, ohne jemals durch Nobelpreise oder Werbekampagnen genötigt worden zu sein. Nein, ausgezeichnet werden Leute wie Herta Müller, deren großes Verdienst es war, Angehörige einer unterdrückten Minderheit in einem kommunistisch genannten Regime gewesen zu sein.
Sünde Nummer drei, bereits mit Dario Fo in die Welt der hehren Literatur geraten: Der Kerl ist politisch. Er hat sich für Frieden und Bürgerrechte und so Kram engagiert und damit die Literatur besudelt. Und das in Zeiten, wo ein Gedicht über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Wie ein anderer Nicht-Nobelpreisträger mehr oder weniger sagte. Also, er ist politisch und blöderweise kein Antikommunist. Er hat seinen eigenen kapitalistischen, amerikanischen Sauladen kritisiert.
Endlich einmal muss man nicht Wikipedia bemühen, um herauszufinden, wer der neue Nobelpreisträger ist. Man kann hemmungslos mitsingen, was das Radio plötzlich wieder spielt: How many roads must a man walk down before you can call him a man … Dieser ist einer. Haben wir immer gewusst. Glückwunsch.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Das Ende der Überheblichkeit

  1. Klaus schreibt:

    Es gibt da diese Stelle in Terry Pratchetts Roman „Rollende Steine“:
    „Susanne verabscheute Literatur. Viel lieber las sie ein gutes Buch“ 😉

    • Columbus schreibt:

      Das ist aber auch überheblich, wenigstens ein bisschen. 😉

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Ein klein wenig vielleicht. Aber ich finde, das Herabschauen auf Teile der Literatur, einfach weil sie Trolle, Raumschiffe oder ähnliches enthält, ist schlimmer. Und ja, Susan verdanke ich die Erkenntnis, dass nichts gegen Monster unterm Bett so gut hilft wie ein Schürhaken.

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