9. November: Noch ist Hoffnung

Es war 1989, ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle bei Zeiss. Meine Kollegin im Labor war vergleichsweise uralt, also schon über 50. Einmal erzählte sie mir eine Begebenheit aus ihrer Kindheit. Ihre Familie lebte auf dem Dorf.
Eines Tages marschierte eine nie gesehene Masse von Menschen ins Dorf. Die Kleine wurde sofort ins Haus gescheucht. Aber Mutter und Großmutter gingen hinaus. Sie taten so, als wollten sie Wasser vom Brunnen holen. Heimlich steckten sie den abgerissenen und ausgemergelten Gestalten, die sich die Straße entlang schleppten, Brot zu. Damals wusste sie nicht, dass es einer der Todesmärsche war, auf denen die Gefangenen der Konzentrationslager gehetzt wurden, bis sie umfielen. Aber sie hatte Angst vor dem, was da geschah, entsetzliche Angst. Es war zum Teil die Angst ihrer Mutter und Großmutter, die sich in Sekunden entscheiden mussten zwischen dem Bedürfnis, anderen menschlichen Wesen zu helfen, und der Angst vor dem, was die Wachleute ihnen antun könnten. Sie waren keine Helden, sie taten einfach, was sie tun mussten. Menschlichkeit ist schwer totzukriegen.
Es ist ihnen damals nicht mehr als diese Angst widerfahren, aber die war vierzig Jahre später noch so gegenwärtig, dass mein Gehirn Gänsehaut bekommt, sooft ich daran denke.
Das Wissen um diese Geschichten stirbt mit den Menschen, die sie erlebt haben. Es verdünnt sich. Schon ich weiß nur noch die Hälfte davon.t34

Am 9. November 2016 marschierten Nazis mit Fackeln und einem Sarg mit der Aufschrift „Antifa“ durch Jena, aber diesmal jubelte ihnen keiner zu. Abgetrennt von einer doppelten Absperrung, Mannschaftswagen, Wasserwerfer und hunderten Polizisten in voller Ausrüstung standen die Bürger der Stadt da und kämpften mit nichts als Trillerpfeifen und ihren Stimmen gegen den Lautsprecherwagen an. Protest in Sicht- und Hörweite? Vielleicht. Den Horizont sieht man ja auch, irgendwie.
Damit es die Nazis nicht vergessen, sangen die Bürger: „Ihr habt den Krieg verlor’n.“ Noch ist Hoffnung.

 

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu 9. November: Noch ist Hoffnung

  1. Ein Hirte schreibt:

    Die Medien berichten allerdings lediglich von „Linksextremen,“ die auf dem ärztehaus bengalische Feuer machten und die Absperrung zu durchbrechen suchten. Und der entsprechenden polizeilichen Reaktion.

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