Keine Selbstverteidigung ist auch keine Lösung

Die „junge Welt“ hat eine Streitschrift von mir veröffentlicht. Aber da Papier teuer ist, haben sie natürlich gekürzt. Hier gibt es das Pamphlet in voller Länge:

Gewalt gegen Frauen existiert. Nach der Statistik des Bundesministeriums des Inneren wurden 2015 rund 360.000 Frauen Opfer von Gewaltverbrechen. Tatsächlich werden Männer häufiger angegriffen – in etwa 60 Prozent der Fälle. Sie haben allerdings statistisch bessere Chancen, den Angriff abzuwehren. Frauen sind im Durchschnitt kleiner, leichter und schwächer als die zumeist männlichen Angreifer und haben kaum Erfahrung im Umgang mit Gewalt. Deshalb haben sie ein höheres Risiko, Opfer zu werden und sich selbst als wehrlos und ausgeliefert zu erleben. Die Folge sind oft monate- und jahrelange psychische Probleme.
Colin Goldner schreibt in seinem Artikel „Die Konjunktur des Hodentritts“ zu Selbstverteidigungskursen für Frauen: „Bestenfalls kann das Üben von Schlägen und Tritten als Unterstützung dienen im therapeutischen Prozess der Bearbeitung traumatischer Erlebnisse wie sexueller und sonstiger gewalttätiger Übergriffserfahrungen.“ Selbst wenn man gnädig übersieht, dass nicht Erfahrungen, sondern Übergriffe gewalttätig sind – er plädiert damit dafür, Frauen zunächst zu traumatisieren, um sie dann mit viel Liebe und ein bisschen körperlichem Training wieder zurechtzubiegen. Eine Frau, die vorbeugend Kampfsport oder Selbstverteidigung trainiert, wird nach seiner Lesart „selbst zur Gewalttäterin“.
Aus gutem Grund macht das deutsche Recht einen Unterschied zwischen einem gewalttätigen Angriff und Selbstverteidigung. Es geht davon aus, dass niemand verpflichtet ist, Verletzungen und Lebensgefahr hinzunehmen. Wer immer eine Frau angreift – oft weil er kaum Gegenwehr erwartet – der entscheidet sich bewusst für Gewalt und ist entsprechend selbst für die Folgen verantwortlich. Mit seiner moralischen Standpauke verteidigt Goldner das Recht eines aggressiven Angreifers auf unversehrte Hoden – gegen das Recht angegriffener Frauen auf körperliche und seelische Unversehrtheit.
Womöglich vermutet er, dass jede Frau nach einem 8-Wochen-Selbstverteidigungskurs als männermordende oder wenigstens eierquetschende Amazone durch die Gegend zieht und harmlose Männer zusammenschlägt. Statistisch lässt sich das durch nichts belegen, und der Augenschein spricht dagegen. Wo sind die toten Männer, die die Straßen deutscher Innenstädte säumen?
Der Mangel an Gewalterfahrungen führt bei den meisten Frauen (und vielen Männern) bei einem tätlichen Angriff zu dem, was Computerprogramme „schwerer Ausnahmefehler“ nennen. Nichts geht mehr. Frau fühlt sich vor Angst gelähmt, weil die Welt sich anders als vorgesehen verhält. Für den Ernstfall gibt es im Gehirn keinen Plan B, denn Gewalt ist für die meisten Menschen etwas, das anderen passiert.
Kampfsport kann dagegen helfen, und zwar nicht therapeutisch, sondern präventiv. Er ermöglicht eine Konfrontation mit Gewalt in einem sicheren Raum und nach festen Regeln. Das Verletzungsrisiko im Breitensport ist tatsächlich geringer als bei Fußball oder Skifahren, wie Statistiken von Versicherungen zeigen. Aber frau lernt, mit würgenden Händen am Hals, schraubstockartigen Umklammerungen oder Fauststößen umzugehen, ohne sofort in hilflose Panik zu verfallen. Sie erfährt, was sie aushalten kann, ohne zusammenzubrechen, und das ist nicht weniger wertvoll als tatsächliche Abwehrtechniken – weil damit die Handlungsfähigkeit im Ernstfall erhalten bleibt.

kissaki

Ein Justizvollzugsbeamter und ein IT-Admin haben Spaß miteinander – und sind zwei äußerst umgängliche Menschen, wenn man sie lässt.

Denn Selbstverteidigung ist für Ernstfälle. Sie ist genau dann notwendig, wenn ein freundliches Gespräch oder Weglaufen nicht mehr möglich sind. Frauen sind – wie erwähnt – wahrscheinlich kleiner, leichter und schwächer als ihre Angreifer. Sie können sich eine minutenlange Schlägerei nicht leisten, zumal ihre beste Verbündete die Überraschung des plötzlich angegriffenen Angreifers ist. Das ist der Hintergrund des Grundsatzes „mit einem Schlag töten“ – der offensichtlich in keiner Kampfsportart wörtlich genommen wird. Auch vor den Sporthallen fehlen auffälligerweise die Leichenstapel. Für Frauen wäre es fahrlässig, angesichts eines brutalen Angriffs auf effektiveTechniken zu verzichten, nur weil Tritte in die Hoden als unfair gelten. Eine Frau, die auf der Straße attackiert wird, hat keinen Regeln zugestimmt. Im Gegenteil: Der Angreifer hat die gesellschaftlich verbindliche Norm, die körperliche Unversehrtheit anderer zu achten, gerade aufgekündigt.
Tatsächlich sind erfahrene Kampfsportlerinnen für einen durchschnittlichen Mann weniger gefährlich als Frauen, die die Realität von Gewalt verdrängen. Sie können eine harmlose Annäherung von einem potenziellen Angriff unterscheiden und greifen nicht bei jedem Mann, der nach dem Weg fragen möchte, zum Pfefferspray. Sich angstfrei im öffentlichen Raum bewegen zu können, ist ein Stück Lebensqualität und macht aus keiner Frau eine Gewalttäterin. Ein erfolgreich abgewehrter Angriff kann noch immer zu einem posttraumatischen Stresssyndrom führen, aber die betroffene Frau hat zumindest erlebt, dass sie nicht wehrlos ausgeliefert, sondern Akteur ist. Das ist besser als Therapiesitzungen.
Dass es kein sinnvolles Mittel gegen Gewalt ist, den Igel zum Verzicht auf seine Stacheln zu bewegen, wusste schon Wilhelm Busch. Kein Selbstverteidigungskurs ist auch keine Lösung

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Das Universum & der Rest, Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Keine Selbstverteidigung ist auch keine Lösung

  1. T.B. schreibt:

    Hallo Heidrun, du verstehst es gut, ein solch brisantes Thema in kluge Worte und Sätze unterhaltsam zu verpacken. Ich bin auch der Meinung, dass Frauen unfair bleiben dürfen, wann immer es gegen ihre Selbstbestimmung geht.
    Der IT-Spezialist hat einen Justizwachtmeister zum Trainingspartner. Aber die Bildbeschreibung trifft zu 100% zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s