Angewandte Physik 3: Die nächtens grauen Katzen

Teil 1 dieser Abhandlung hat sich erstaunlich weit verbreitet. Ein Mensch namens @magg0t warf ganz richtig ein, das Licht der Natrium-Dampflampe habe ja erst recht ein defizitäres Spektrum. Allerdings bärmeln hunderte Bürger über das eklige LED-Licht, aber keiner über den falschen Farbeindruck bei den gelben Na-Funzeln. Um das aufzudröseln, müsste man Psychologe und kein Physiker sein. Denn das menschliche Empfinden und messbare Größen sind – ja, das hatten wir schon. Ich kann aber eine Theorie anbieten.
Dass der Mensch sich mit seinen Augen in einem dreidimensionalen Farbraum bewegt, ist nur die Hälfte der Wahrheit. Das tut er nur, wenn er tagsüber mit den Zäpfchen und ihren High-end-Vollfarbsensoren in die Welt schaut. Wird es dunkel, schalten wir auf Stäbchensehen um. Die haben nur ein lichtempfindliches Pigment, höchste Empfindlichkeit bei etwa 500 nm. Das reduziert die Informationen auf hell und dunkel. Nachts sind alle Katzen grau. Das stört uns nicht, weil wir es vom ersten Lebensjahr an gewöhnt sind.
Ich vermute, unser Gehirn, das sich ohnehin gern auf das Wesentliche konzentriert, gibt sich nicht lange mit der nutzlosen Farbinformation der extrem einfarbigen Na-Lampen ab und schaltet kurzerhand auf Schwarzweißsehen. Damit ist die Welt wieder in Ordnung, und die liebe Seele hat Ruh. Anders ist das mit dem scheinbar weißen LED-Licht, das irgendwie nicht richtig aussieht und damit unserer Alltagserfahrung widerspricht. Das mag das Gehirn gar nicht. Das Gehirn hat gern seine Ordnung.

manul
Mit Gelbtönen geht es sowieso ein bisschen schlampig um. Das merkt man, wenn man für die Vorführung der 1000 schönsten Urlaubsfotos nicht das klassische weiße Bettlaken zur Hand hatte, sondern nur eine hellgelbe Wand. Bei den ersten Bildern sieht das komisch aus. Aber die Wolken und Schwäne auf Bild 217 sehen eindeutig weiß aus. Klammheimlich hat das Gehirn einen Weißabgleich vorgenommen – denn Wolken sind nun mal nicht zitronengelb, und das weiß unser Denkapparat todsicher. Also sorgt er für Ordnung.
Die Sache mit den zwei visuellen Sensoren erklärt nebenbei auch, warum Spezialeinsatzkräfte wie Tierfilmer oder Fallschirmjäger lieber eine rote Taschenlampe benutzen. Mit den Rot-Sensoren auf den Zäpfchen sehen sie, solange die Lampe angeschaltet ist. Sobald es dunkel ist, übernehmen die Stäbchen, die vom roten Licht völlig unbeeindruckt sind. 500 nm Empfindlichkeitsmaximum, blaufichtengrün. Fürs Nachtsehen ist die Na-Lampe also auch hilfreich. Außerhalb des Lichtkegels ist es nicht so dunkel, nicht weil es nicht so dunkel wäre, sondern weil wir im kurzwelligen, blauen Bereich nicht geblendet sind.
Und die Katzen – die sind unter dem gelben Licht natürlich nicht grau, sondern gelb. Was sonst.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Das Universum & der Rest abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Angewandte Physik 3: Die nächtens grauen Katzen

  1. nk schreibt:

    Interessanter Ansatz, aber vor allem geiles Symbolbild! 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s