Eigentlich ging’s uns schlecht

GleichberechtigungDDR

Das Frauenbild des Focus: Zum Frauenthema gibt es natürlich die Ermahnung zum idealen Körpergewicht

26 Jahre Aufarbeitung, und noch immer gibt es im deutschen Osten Fälle von Ostalgie: Dinge, an die sich die Leute so erinnern, wie sie waren, statt der staatlich verordneten Erinnerungskultur zu folgen. Das universelle Gegenmittel: Man holt einen „Experten“ vor, der den renitenten Ossis erklärt, dass es so gar nicht gewesen ist. Wie zum Beispiel Anna Kaminsky im Focus. Seit 15 Jahren arbeitet sie als Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. Sie erklärt, dass die Gleichberechtigung der Frau in der DDR nur eine Folge des Arbeitskräftemangels war und sonst nichts.
Dabei verwendet sie den Standard-Trick. Sie vergleicht die DDR der 50er und 60er Jahre mit dem Deutschland von heute. Als seien seither nicht 50 Jahre vergangen. Den Vergleich mit der BRD der 50er und 60er Jahre lässt sie bewusst aus. Damals mussten Frauen noch eine Erlaubnis des Ehemannes beibringen, um arbeiten zu dürfen. Die Versorgung mit Kindergartenplätzen hinkt im Westen – trotz Rechtsanspruch – noch immer hinter dem Osten her.
Die Gleichberechtigung in der DDR war weit davon entfernt, perfekt zu sein. Das ist sie heute in Deutschland auch noch nicht. DDR und BRD kamen beide aus dem gleichen Kaiserreich, der gleichen Weimarer Republik und dem gleichen faschistischen Deutschland. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwanden nicht von einem Tag auf den anderen. Im Osten ging das allerdings schneller. Die Ausbildungsberufe und Studienfächer meiner Klassenkameradinnen waren um einiges bunter als die der jungen Frauen heutzutage. Als Physikerin war ich zwar der Exot, aber Ingenieurinnen gab es gar nicht so wenige. Oder Zerspanerinnen. Manchmal kommt es mir vor, als entwickelte sich alles rückwärts.
Frau Kaminsky und ihr Interviewer Armin Fuhrer nehmen es mit den Fakten nicht so genau. In der DDR gab es ab den 70er Jahren den Haushaltstag für Frauen mit Familie: ein Tag pro Monat nur für die Hausarbeit. Das klingt heute utopisch. Und dann liest man:

Wenn über Verbesserungen diskutiert wurde, wie Beruf, Haushalt und Kindererziehung leichter vereinbart werden könnten, dann ging es ausschließlich um Frauen. So hatten beispielsweise alleinerziehende Männer – von denen es allerdings in der DDR nur sehr wenige gab – kein Recht auf einen Haushaltstag. „Das sagt einiges über das Gesellschaftsbild der SED aus“, findet Kaminsky.

Das ist Unsinn. Mein alleinerziehender Vater hatte Ende der 70er sehr wohl Haushaltstage. Anfangs soll es allerdings Fälle gegeben haben, wo man lieber einem weiblichen Kind einen Tag schulfrei gab. Manchmal dauert es, bis sich die Vernunft durchsetzt. Im heutigen Deutschland haben alleinerziehende Väter – von denen es noch immer wenige gibt – keinen Haushaltstag. Frauen auch nicht. Das ist wohl die neue Gleichberechtigung, und die scheint Frau Kaminsky viel besser zu finden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Eigentlich ging’s uns schlecht

  1. Evelyn schreibt:

    Wunderbar, Deine hintergründige Reflektion zum Weltfrauentag! Herzlichen Dank, liebe Heidrun 🙂

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