Angewandte Psychologie: Der Zombie im Dunkel

SpeierAm Donnerstag Abend war ich in Dresden. Auf dem Weg zum Nachtquartier kam ich durch die Wormser Straße. Die wird einseitig von Gaslampen befunzelt. Auf der anderen Seite kam der Gehweg selbst mir ziemlich dunkel vor. Hundehaufen hätte ich da nicht gesehen. Aber das kann man überleben, und ich hätte auch auf der anderen Seite laufen können. Ansonsten war die Orientierung kein Problem.
Tatsächlich reagieren die Leute regelmäßig panisch, wenn man vorschlägt, Straßenlampen einfach ganz auszuschalten – zwischen 1 und 3:30 Uhr. Dazu hat es sogar wissenschaftliche Studien gegeben. Die Leute in Rheine, einer Stadt mit nächtlicher Totalabschaltung, waren mehrheitlich überzeugt, dass dadurch die Kriminalität steigen würde. Andererseits fühlten sie sich persönlich nicht unsicherer als zuvor. Weil sie um diese Zeit im Bett lagen. Die Zahlen der Polizei zeigten, dass sich nichts geändert hatte.
Es geht aber noch besser. Auch Bristol schaltet ab – und stellte Wunderbares fest: Die Zahl der Einbrüche sank in mehreren Stadtgebieten deutlich. In Frampton Cotterell gab es einen Rückgang von 50 % – wo auch immer das sein mag. Haben die Einbrecher Angst vor der Dunkelheit? Offenbar. Tatsächlich ist eine ordentliche Straßenbeleuchtung hilfreich, wenn man einbrechen will. Irgendwie muss man das Schloss auffummeln. Das fällt noch mehr auf, wenn man auf stockdunkler Straße eine Taschenlampe verwendet. Jenas derzeit überreichliche Straßenbeleuchtung erlaubt sogar das Durchsuchen der Wohnung ohne zusätzliches Licht. Und schließlich läuft man auf gut beleuchteten Straßen nicht Gefahr, beim Wegrennen über irgendwas zu stolpern.
Bei Überfällen ist es nicht anders. Ist die Straße hell beleuchtet, kann ich mich als Gangster im Schatten eines Hauseinganges verbergen und die gut ausgeleuchteten potenziellen Opfer beobachten. Ich sehe schon von ferne, wie groß und breit sie sind, ob männlich oder weiblich, ob Möbelpacker oder Rentner mit Rollator, Anzugträger oder Penner mit Flasche … Im Dunklen könnte man sich da schon mal vertun. Außerdem hat man so das Überraschungsmoment für sich. Wusste schon der alte Brecht: Die im Dunkeln sieht man nicht.
Vermutlich deshalb geht es bei Debatten um Straßenbeleuchtung nie um Sicherheit, sondern um Sicherheitsgefühl. Aber wir wissen doch schon aus Horrorfilmen: Wenn man glaubt, in Sicherheit zu sein, genau dann schlägt der Zombie zu.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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