Die multimodale Phrasendreschmaschine

MittelwegAls Jena begann, Leitlinien für den Verkehr zu entwickeln, hatte ich die vage Hoffnung, es könnte sich irgendwas verbessern. Ich bin ein krankhafter Optimist. Und ganz ehrlich: Schlimmer kann es in der Stadt nicht mehr werden, falls man nicht wirklich die Stadtgräben wieder aus- und Zölle erhebt. Inzwischen möchte man den Prozess jedoch am liebsten beerdigen, weil die Stadträte zu vielen der Handlungsziele ihre Zustimmung verweigerten. Unter anderem dazu:

„Schaffung eines inter- und multimodalen Verkehrssystems durch Verknüpfung der Verkehrsarten der Nahmobilität (Fuß, Rad) mit öffentlichem Personenverkehr (ÖV) in Stadt und Region und mit neuen Mobilitätsangeboten sowie Erleichterung des Zugangs und der Bedingungen für die genannten Verkehrsarten und -angebote“

Wir haben zu sechst davor gesessen und gerätselt, was damit gemeint sein könnte. „Multimodal“ heißt in der Sprache der Verkehrsplaner, dass man zu Fuß zum Bus läuft oder mit dem Rad zum Bahnhof fährt. Dort allerdings fehlte es über Jahre an Fahrradständern, und wer das Rad ans Geländer anschloss, wurde abkassiert. Man will allen Ernstes als Ziel städtischen Handelns beschließen lassen, dass es möglich sein muss, fußläufig zum Bus zu kommen. Ja, wie denn sonst? Mit dem Flugzeug? Mit dem Hundeschlitten?

Auch schön:

„Steigerung des Anteils der Verkehrsarten der Nahmobilität (Fuß, Rad) im Umweltverbund mit dem ÖPNV am städtischen Modalsplit“

Das ist schon grammatisch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Außerdem ist der Modal Split eine Unsinnsgröße, die meinem Mitstreiter Clemens regelmäßig den Blutdruck in die Erdumlaufbahn treibt. Man zählt durch, wie viele Wege der Mensch am Tag wie zurücklegt, und rechnet dann Prozentzahlen aus. Mensch geht hundert Meter zum Parkplatz – ein Weg. Mensch fährt mit Auto 20 km in die nächste Stadt – auch ein Weg. Schon hat der Modal split einen Fußgängeranteil von 50 %.  Wir haben lange gebraucht, um zu begreifen, dass es wirklich so und nicht anders gemeint ist.
Ich habe für das Handlungsziel zwei Vorschläge gemacht:
1. Hundesteuer abschaffen. Damit werden mehr Hunde gehalten, die mehrmals am Tag zum nächsten Baum geführt werden müssen.
3. Dörfer ausgemeinden, um das Stadtgebiet zu verkleinern. Komischerweise kommen Leute aus den Randgemeinden, in denen am Wochenende kein Bus fährt, mit dem eigenen Auto in die Stadt, statt umweltbewusst mit dem Handwagen zum Wocheneinkauf in die Großstadt zu ziehen.
Sicher könnte man auch noch den einen oder anderen unnötigen Weg generieren, etwa den zum Facharbeitskreis für Mobilitätsleitlinien, wo man zweiundzwanzig Minuten lang den Prozess erklärt bekommt, an dem man selbst beteiligt war. Das ist, als würde mir einer erklären, wie ich früh meine Pantoffeln angezogen habe. Aber weil man 16:30 Uhr vom Zeisswerk bis zum Verwaltungszentrum am Anger mit jedem Verkehrsmittel außer dem Fahrrad Stunden braucht, hat man damit den Modal Split in Richtung Radverkehr verschoben. Pauken, Trompeten und Konfetti!

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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