Die Erbarmungslosen

Natürlich kann man sich hinstellen und fragen, warum aus Anlass des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes keiner eine „Freiheit statt Angst“-Demo organisiert und wo das Meer orangefarbener Fahnen bleibt. Nicht dass es aus anderen Anlässen orangefarbene Meere gäbe. Aber natürlich kann man fragen, und auf jeden Fall in einem anklagenden Ton.
Allerdings bemerke ich in letzter Zeit bei mir eine gewisse Unduldsamkeit bei derartigen Fragen. Ich neige dazu zu antworten: „Weil du sie nicht organisiert hast. Weil du es wichtiger findest, flammende Anklagen wegen der Untätigkeit anderer zu schreiben.“
Ich war letztes Jahr zur Anti-TTIP-Demo in Leipzig. Das NetzDG ist zweifellos ein untaugliches Mittel gegen Volksverhetzung (so hieß das mal, ehe man Hate Speech erfand). Aber private Schiedsgerichte, vor denen Unternehmen gegen Staaten und Kommunen klagen können, weil ihnen die Gesetze und Ratsbeschlüsse beim Profitmachen im Wege sind, finde ich wichtiger. Wie wir leben werden, entscheidet sich nicht auf Twitter, sondern da, wo über Geld entschieden wird: über Löhne, über „Öffentlich-Private Partnerschaften“ zum Wohle der Investoren, über die Privatisierung von Schulen und Straßen und die Preise für Trinkwasser.
Es waren damals drei Jenaer Piraten in Leipzig. Am Infostand zum 1. Mai standen vier: ein chaotisch-engagierter Generalsekretär (was wir nicht alles haben), ein nimmermüder Energiepolitik-Aktivist und zwei überarbeitete Stadträte, die eigentlich lieber die Unterlagen der nächsten Sitzung gelesen hätten. So ist das.
Wenn du einmal die Verantwortung übernimmst, dann wirst du sie nie wieder los. Egal was du tust – es ist nie genug. Immer kommt einer und fragt, warum du dies und das nicht getan hast, dich über irgendein Thema nicht aufgeregt hast, irgendetwas nicht vehement genug verfolgt hast. Wenn du 7 Tage die Woche Kommunalpolitik machst, fragt garantiert einer, warum du keine Unterschriften für die Bundestagswahl sammelst. Und das Blödeste daran: Am liebsten tun das die eigenen Leute und bevorzugt die, die gerade der Meinung sind, sie hätten auch nur ein Leben und müssten sich jetzt dringend erholen.
Dann frage ich mich, ob ich mich nicht auch einfach mal erholen sollte und zusehen, wie es der verbleibende Rest erst recht nicht gebacken kriegt. Dann könnte ich mich aufregen und sagen: Ohne mich kriegt ihr auch gar nichts auf die Beine. Was bitter richtig ist: Ohne Leute kriegt man weder was gebacken noch auf die Füße gestellt.
Derweil backen wir kleine Brötchen, aber wir backen noch. Ich kann nur nicht die ganze Welt retten.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Die Erbarmungslosen

  1. frank111 schreibt:

    Vielleicht sollte ich mich angesprochen fühlen, wer weiß? 😉 Ein Zen-Sprichwort sagt: Du kannst nicht die ganze Welt auf deinem Rücken tragen. Speziell auf dich und deinen Text gemünzt, könnte man anfügen: Du sollst nicht aus allem den Vorwurf heraushören, dass du zu wenig tust und die Welt immer noch nicht gerettet hast. 🙂 Ich habe den allergrößten Respekt vor deiner kommunalpolitischen Arbeit und der Kraft, die du da über Jahre hineinsteckst. Ich habe da so meine Zweifel, ob das auf die Dauer gesund ist und nicht eines Ausgleichs bedarf, aber das kannst du besser einschätzen. Wenn es keine „Freiheit statt Angst“-Demos mehr gibt, dann ist das nicht eine Frage, wen man dafür anklagen muss, sondern eines von vielen Merkmalen einer gesellschaftlichen Veränderung, die sich rasend schnell in den letzten 2-3 Jahren vollzogen hat. Während früher engagierte Menschen FÜR eine bestimmte Sache gestritten haben, versuchen sie sich heutzutage nur noch gegenseitig den Mund zu verbieten, den Respekt zu verweigern und das Existenzrecht abzusprechen. Ich finde das sehr besorgniserregend und würde gern verstehen, woran das liegt. Ob es nun Geheimgerichte für Konzerne gibt oder geheime Löschbrigaden im Netz ist miteinander vergleichbar. Man kann nicht sagen, dass das eine wichtiger als das andere ist. Beides sind weitere Beispiele für die o.g. Entwicklung hin zu mehr Unfreiheit, Intransparenz, letztendlich Totalitarismus.
    Du weißt, dass ich immer auch zu denjenigen gehört habe, die „Dinge“ taten und nicht nur das Geschwätz auf Mailinglisten und Parteitagen als politische Arbeit missverstanden haben. Man kann hier und da sicher Dinge im kleinen verändern, aber ansonsten sind wir nur Sandkörner in er großen Wüste der Zeit und es ist zu viel sich einzubilden, man könnte den Lauf der Welt verändern.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Irgendwie schon …
      Das Problem ist für mich dieses „früher haben die mal X, aber jetzt tun die Y“, weil es genau diesen Zusammenhang meiner Meinung nach nicht gibt. Es haben früher schon Leute Y getan, aber es waren auch noch Leute da, die X taten. Die sind inzwischen vermutlich älter, haben Familien gegründet, sitzen in Kommunalparlamenten und arbeiten sich blöd oder haben die Lust verloren, weil sie immer wieder hören, wie tot ihre Partei doch ist – gerade von Leuten, die es besser wissen sollten. Dieses ganze „Ich hab euch doch gesagt, wenn ihr nicht auf meine Linie einschwenkt, wird alles Scheiße“ sägt immer und überall an denen, die noch etwas tun. Es gibt tolle Piraten, die tolle Dinge tun, und das sollte man nach außen vertreten, statt denen, die noch Piraten sind, irgendwelche Blödsinnsaktionen anzuhängen. Patrick Breyer spricht übrigens nächste Woche auf einer Freiheit-statt-Angst-Demo in München.
      Es gibt ein relevantes linkes Potential, dem Zahnbürsten komplett wurscht sind. Ich weiß nicht mal, wovon du da redest. Es gibt Leute, die sich landauf, landab um Arbeitsbedingungen kümmern, um soziale Fragen, um kommunale Investitionen und tausend andere Dinge. Das ist großartig. Davon leben wir. Kein Feind redet so schlecht über uns wie unsere Freunde, und das finde ich einerseits schade und andererseits bescheuert.

      • frank111 schreibt:

        Im letzten Absatz treffen wir uns glaub ich wieder. In der Tat sind mir diese „Linken“ am liebsten, die genau das tun, was du da beschreibst. Sie verkörpern für mich das, was ich unter „Links-Sein“ verstehe und was es historisch gesehen auch ursprünglich mal gewesen ist. Vielleicht halte ich mich zu viel in sozialen Netzwerken auf, aber es gibt – in meiner Wahrnehmung zunehmend – halt auch die andere Seite: ein linksgrünes Wohlstandsaktivistenbürgertum, das mit seinen Bevormundungs-, Verbots- und Ideologiefantasien ein Feind der Freiheit geworden ist und für die alles, was mit der eigenen Filterbubble nicht zusammenpasst, Nazi und verabscheuungswürdig ist. Bestes Beispiel sind die SPD-Minister in der gegenwärtigen Bundesregierung. Weitere unzählige Beispiele finden sich in Redaktionsstuben der großen Tageszeitungen, die den Ton angeben und die öffentliche Meinung lautstark dominieren.
        Was die Piraten angeht, kommen wir glaub ich nicht auf einen Zweig. Denn m.E. gibt es nur noch einzelne Politik-Arbeiter wie dich, die sich – noch unter dem Label Piraten – abschuften und ein hervorragendes Aushängeschild abgeben für eine Partei, die es so längst nicht mehr gibt. Wenn jeder Jenaer mittlerweile „die Piraten“ im Stadtrat kennt und möglicherweise auch gut findet, dann ist das euer Verdienst. Wenn im ganzen Land viele vergessen haben, was Piraten überhaupt mal waren und es kaum noch jemanden gibt, der sie wählt, ist das das „Verdienst“ der Bundespartei, die nie die Kurve zu vernünftiger Realpolitik gekriegt hat. Beides kann man nicht in einen Topf werfen.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Wo bitteschön sind SPD-Minister denn links? Die SPD? LINKS?!
        Es gehört meiner Meinung nach zu den genialeren Schachzügen im Klassenkampf (ja, jetzt machen wir Ernst), „Links“ mit „Lifestylegedöns“ gleichgesetzt zu haben. Dadurch beschäftigen sich massenhaft Leute mit Gedöns, statt mal einen Generalstreik zu organisieren, und andere wenden sich mit Schaudern ab, weil es zu blöd ist.
        Was die Piraten betrifft: Eine Partei ist die Summe ihrer Mitglieder, und da gibt es überall solche und solche. Patrick Breyer etwa ist ein unglaublich fleißiger, ernsthafter (und sehr netter) Politikarbeiter, der völlig zu Unrecht aus dem Landtag gewählt wurde. Das sollten wir gelegentlich mal an die Große Glocke hängen, statt uns ständig gegenseitig vor allem die Fehler derer vorzuwerfen, die längst nicht mehr dabei sind. Ich habe so wenig Probleme damit, Piratenthemen wie Überwachung an die Presse zu verkaufen (sogar für Geld, man glaubt es kaum), dass ich mich frage, warum das anderen nicht gelingt.
        Bis auf Weiteres gilt: gejammert wird später. Noch haben wir was zu tun. Übermorgen wird z. B. der Nachthimmel gerettet – vielleicht.

  2. Max Headroom schreibt:

    Irgendwas mit Zahnbürsten und Linken ist mir hier völlig durch die Lappen gegangen.
    Keine Ahnung, wovon da die Rede ist …
    Ich verstehe allerdings, daß man angenervt ist, wenn man sich den Ar…Hintern aufreißt, zum Schluß dann nix erreicht hat, weil man wiedermal die Minderheit war, seine Energie nutzlos verbraten hat und dann noch hört, es habe ja sowieso keinen Sinn, da die Piraten eh zu wenige seien. Und das noch möglichst von den Leuten, die seit 25 Jahren den gleichen Schei.. wählen,
    in der Hoffnung, einmal würden die schon die Politik machen, die sie vor der Wahl versprochen haben …
    Einfach mal Danke an diejenigen, die sich trotz solcher Widrigkeiten weiterhin bemühen.
    Ich gebe zu, dazu nicht die Nerven zu haben, denn ich würde platzen …
    Leider kann man zu den gegenwärtigen Zuständen (im großen wie im kleinen) nur eines der letzten Gedichte von Ernst Röhl zitieren:

    Blick zurück im Korn

    „Wie schicksalhaft das Leben doch verfliegt.
    Du blickst zurück, die Stimmumg leicht gedämpft:
    Nicht jeder, der gekämpft hat, hat gesiegt,
    nicht jeder, der gesiegt hat, hat gekämpft.“

    • frank111 schreibt:

      Das mit den Zahnbürsten bezieht sich auf einen Text aus meinem Blog, den du hier lesen kannst: http://www.frankcebulla.info/2017/umflutschen-in-der-roten-zone

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Nachdem ich den entsprechenden Facebook-Beitrag gelesen habe, verstehe ich die Kritik an der Zahnbürsten-Aktion einfach nicht. Da gibt es eine ziemlich klare Ansage :
        1. Die Politik der G20 stört uns (kann ich nur zustimmen)
        2. Wir wollen protestieren, aber wir sind friedlich (Recht auf Meinungsäußerung, klar. Und mir sind diese Leute definitiv lieber als die Mülltonnenanzünder)
        3. Wir wissen, dass ihr uns mit massiven Polizeieinsätzen einschüchtern wollt, aber davon lassen wir uns nicht beeindrucken. Wenn es sein muss, lassen wir uns dafür festnehmen. Was soll’s, wir nehmen sogar eine Zahnbürste mit, um auf ungeplante Übernachtungen vorbereitet zu sein.
        Zwar kann man über Stil und Wortwahl streiten, aber ich bin noch nicht so alt, dass ich jungen Leuten vorhalte, dass sie nicht wie ich sprechen. Sie gehen für ihre Überzeugung auf die Straße. Das braucht Mut. Zahnbürsten gegen Polizeistaat ist nicht alberner als Stiefmütterchen gegen Einkaufscenter-Bauprojekte. Es ist sich im Gegenteil ziemlich ähnlich.

  3. frank111 schreibt:

    Den „friedlichen Protest“ können wir uns in Kürze live ansehen, da bin ich mir ziemlich sicher.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Entschuldige, aber das ist die Argumentationslinie der CDU. Wenn 2000 friedlich auf einer Straßen stehen und 5 gewalttätig sind (und das möglichst weitab von den anderen, wo sie keiner aufhalten kann), dann heißt es, 2000 linke Randalierer. Damit kann man praktisch jede Demonstration problemlos kriminalisieren. Irgendein Idiot findet sich immer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s