Hedelmää

Wenn man neben Deutsch als Muttersprache Russisch, Englisch, Französisch und Physik gelernt hat, kommt man in Europa eigentlich ganz gut durch. (Physik??? höre ich einige fragen. Äh, ja. Physiker haben einen enormen Verbrauch an Formelzeichen, sodass man nach dem Studium Griechisch problemlos lesen kann. Verstehen ist freilich eine andere Sache.) Man schlägt sich durch. Alles ist irgendetwas anderem ähnlich.
Es sei denn, man gerät nach Finnland.
Unbeschwert marschierte ich in die Recepjon des Zeltplatzes und fragte in schönem Englisch nach einem Stellplatz. Drei Leute, zwei Frauen, ein Mann, starrten mich verständnislos an. Dann sagte die eine etwas, und ich konnte endlich verständnislos zurückstarren. Darauf begann eine fröhliche Diskussion. Ich argwöhnte, dass man uns und unser Problem schon vergessen hatte und über die Hufkrankheit des Rentiers diskutierte.
Da sagte die Frau etwas von 6 (sechs Finger) irgendwas. Der Transporter ist regelmäßig das kleinste Fahrzeug auf dem ganzen Zeltplatz. Man ist hier mit jungen Häusern unterwegs. Wir kommen mit einem halben Stellplatz prima hin – und es war Platz bis zum Horizont. Wir versuchen zu erklären. Die Frau bedeutet uns, ihr zu folgen. Sie führt uns zu den Hütten am Hang. Unterwegs fragt sie uns etwas. Wir verstehen „russkij“ und antworten unisono „nemnogo“ und „nemnoshko“. Stolz präsentiert sie uns ihr Zimmerchen. Ich habe inzwischen den russischen Satz fertig und erkläre, dass wir kein Haus, sondern nur einen Parkplatz für die Avtomaschina brauchen. Da begreife ich, dass die Frage nach Russisch kein Angebot war, sondern nur eine Vermutung über unsere Herkunft. Wer weder Finnisch noch Norwegisch spricht, muss ein Russe sein, klar. Vielleicht hat sie von anderen Ländern noch nichts gehört.
Wir beginnen eine neue Erklärungsrunde, und das Wort „Camper“ scheint zu funktionieren. „Camping?!“, fragt die Frau. Wir nicken heftig. „Ikke rom?“ Ich nicke wieder. Wäre mir nicht eingefallen, aber ist Norwegisch und heißt „kein Zimmer“.
Sie schreibt eine Zahl auf einen Zettel, und ich halte ihr die Kreditkarte hin. Mathematik ist auch ganz nützlich. Zahlen gehen immer, aber wie sagt man mit Zahlen, dass man nur einen Stellplatz, keinen Strom und schon gar keine Holzhütte fürs Auto braucht?
Ach so – Hedelmää. Das stand auf dem Yoghurt, der wirklich gut war. „24 % Hedelmää“. Mää? Schafe? Da wir inzwischen wieder in die norwegische Zivilisation mit Internet zurückgekehrt waren, konnte ich das wenigstens übersetzen. Heißt „Früchte“. Keine Ahnung, wozu ich das jemals wieder brauchen werde. Vielleicht könnte ich statt des Stellplatzes Äpfel kaufen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Hedelmää

  1. Tobias schreibt:

    Bin schon gespannt, wie uns das in Schweden gelingt. Dort soll Englisch ja die zweite Verkehrssprache sein.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Nach meiner Erfahrung ist Schweden völlig unproblematisch. Dort spricht pratisch jeder Englisch, und viele Wörter sehen auch irgendwie sinnvoll aus. Aber man braucht eine Camping-Karte, um auf einen Zeltplatz zu dürfen. Die meinen das ernst. In Norwegen braucht man sie nur theoretisch.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Oh, meine Antwort ist im unzuverlässigen finnischen Netz versackt. Campingkarte gibt es auch von Deutschland aus. Findet sich irgendwie hier: http://www.scr.se/var-verksamhet/camping-key-europe/ (keine Übersetzungsseite???!). Aber man kann sie auch auf dem ersten Zeltplatz kaufen, wo man absteigt. Dann bekommt man ein Provisorium, während einem die richtige Karte nach Hause geschickt wird – wo man sie nie brauchen wird. Echt witzig.

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