Endlich Randale

JoghurtStell dir vor, es ist Randale, und keiner geht hin. In Jena habe ich gesehen, wie ein Polizist, der gerade eine Anti-NPD-Demo einkesselte, seinen Helm abnahm und mit den Eingekesselten ein Gespräch anfing. Keine Auseinandersetzung, nicht einmal eine Diskussion – ein Gespräch. Bei dieser Demo flog ein Bund Petersilie durch die Luft, und das war’s. Es war Jenaer Polizei, die dem Glauben anhing, dass auf der anderen Seite auch Menschen stehen.
Ich habe – auch in Jena – auch Anderes erlebt: Dresdener Polizeieinheiten, die bei der geringsten Bewegung der weggesperrten Demonstranten die Visiere zuklappten und jeden filmten, der in der Nähe stand. Die sofort zu Pfefferspray griffen. Aus dem Selbstverteidigungstraining weiß ich, was ich in dieser Situation unbewusst spürte. Die Robocop-Gestalten haben nichts Menschliches mehr. Sie haben keine Gesichter. Sie erzeugen Angst, und sie machen es leicht, in ihnen nur noch den Feind zu sehen. Das setzt man beim „model mucking“ bewusst ein, um chronisch harmlose Frauen dazu zu bringen, einmal wirklich zuzuschlagen.
In Hamburg hat die Polizei von Anfang an klar gemacht, dass sie Konfrontation wollte, sich an Regeln nicht halten würde: genehmigte Camps wurden entgegen dem Gerichtsentscheid gestürmt, die Republikanische Anwaltsvereinigung kriminalisiert, Journalisten bedroht und angegriffen, eine bis dahin unauffällige und nicht verbotene Demonstration aufgehalten und gestürmt. In Dresden verhaftete man vor einiger Zeit einen Mann, weil er mit einem Dreipfundbrot im Beutel einer Absperrung zu nahe gekommen war. In Hamburg reichte es, Wechselkleidung dabei zu haben. Das tut man, wenn man eine Eskalation will. Als tatsächlich Autos brannten und Läden geplündert wurden, griffen selbst die Polizisten, die vorort waren, nicht ein. Das tut man, wenn man genau diese Bilder will: brennende Autos und geplünderte Läden.
Es ist bekannt, dass immer wieder Polizeispitzel in linken Strukturen auftauchen, die nach den Berichten der Bespitzelten keine braven Beobachter sind, sondern zum Teil selbst Aufwiegler und Anstifter (vielleicht, damit sie endlich etwas zu berichten haben). Die Hamburger Morgenpost berichtet, dass im Netz Aufrufe von Hooligans kursierten, die zu Randale in Hamburg aufforderten. Und natürlich weiß gerade die Polizei, dass sich insbesondere männliche Jugendliche mit unfairer Behandlung gut provozieren lassen, dass Ohnmacht allzu leicht in Wut umkippt.
Ein Auto brennt nicht, nur weil man eine Minute ein Feuerzeug drunter hält. Wer schon mal in der Wildnis ein Lagerfeuer gebaut hat, ahnt, dass es gar nicht so leicht ist, eine Barrikade in Brand zu stecken. Was auf allen Kanälen gezeigt wurde, war keine Demo, die entgleiste. Es war eine Demo, die schikaniert wurde, und eine Gruppe von Randalierern, die ausgerechnet in einem linksalternativen Viertel wütete. Es sah aus wie eins, aber es waren zwei verschiedene Dinge. Die Randalierer gingen erstaunlich organisiert und zielstrebig vor, wie man in der Videodokumentation sehen kann. Die Hamburger Morgenpost schrieb von etwa 500 Gewaltbereiten, und die wurden nicht spontan aggressiv, sondern waren offenbar vorbereitet.
Man wollte nicht schon wieder die Bilder von 70.000 friedlichen Demonstranten in den Medien haben, die begründete Kritik vorzubringen hatten. Das war bereits bei den TTIP-Demos lästig. Man wollte Krawall, und man organisierte sich Krawall.
Die Folgen sind absehbar: mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Kameras, mehr präventive Kriminalisierung, mehr Befugnisse für die Geheimdienste. Qui bono?

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Endlich Randale

  1. Holger Herrmann schreibt:

  2. Matcha schreibt:

    > Ein Auto brennt nicht, nur weil man eine Minute ein Feuerzeug drunter hält.
    > Wer schon mal in der Wildnis ein Lagerfeuer gebaut hat, ahnt, dass es gar
    > nicht so leicht ist, eine Barrikade in Brand zu stecken.

    Nun, so wie ein Stück Würfelzucker in einer Flamme nicht brennt, sondern allenfalls schmilzt – beginnt das Zuckerstück sofort zu brennen, wenn es an einer Ecke des Würfels in ein wenig Aschepulver getaucht und dort angezündet wird, Streichholz genügt – und so ist auch eine Katalysatorwirkung bei Bremsflüssigkeit möglich, wenn auch in anderer Form; ansonsten schwer entflammbar, weil sie einen hohen Flammpunkt hat, ist der Brand in Sekunden da und kaum zu stoppen, wenn die Flammtemperatur per Katalysatorwirkung initiiert wird, dann genügt ein brennendes Streichholz für wenige Sekunden. Wer die Zutaten kennt, bringt ebenso einen Autoreifen oder andere verbundene Systeme eines Autos in Sekunden ans Brennen und das geht dann sehr schnell auf das ganze Fahrzeug über.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Danke für den Hinweis. Aber das widerspricht nicht meiner Feststellung, dass die Randalierer offenbar bestens aufs Randalieren vorbereitet waren. Ich hätte arge Mühe damit, die richtige Stelle zu finden, um Bremsflüssigkeit an einem Auto anzuheizen. Das ist nicht unbedingt Allgemeinwissen. Das Vorgehen der Randalierer wirkt in der Videodokumentation auch enorm zielstrebig. Flaschenwerfen ist in den meisten Fällen vermutlich eine Folge akuter Wut, aber was man da so sah, wirkte wie eine gut vorbereitete Aktion unter Mithilfe von rotzblödem Eventpublikum. Und das lässt mich an der These von der eskalierten Demo zweifeln.
      Mal davon abgesehen, dass man entlang einer kritischen Demo-Route vielleicht im Voraus Barrikadenmaterial und „lose“ Verkehrsschilder wegräumen sollte. Das könnte durchaus helfen. Wenn das Zeug griffbereit rumsteht, spricht das nicht für übertriebene Vorsicht.

  3. Matcha schreibt:

    > Ich hätte arge Mühe damit, die richtige Stelle zu finden,
    > um Bremsflüssigkeit an einem Auto anzuheizen.

    Die Bremsflüssigkeit war ein Beispiel, ich werde hier nicht weiter ausbreiten, wie ein Auto in weniger als einer Minute in Flammen aufgehen kann.
    Jeder Pyrotechniker kennt das, jeder (ältere) Chemiker kennt das – stand früher sogar in den Büchern zum Chemiestudium, in der heutigen Zeit sind die Passagen entfernt, es stand natürlich nicht drin: „Hey, so wird ein Auto angezündet…“, sondern die Zusammenhänge zwischen den beteiligten Chemikalien.

    Ich bezog mich nur auf Deine Aussage, dass ein Auto mal nicht so schnell anzuzünden wäre; es ist dagegen relativ leicht.

    Selbstverständlich waren die Randalierer gut vorbereitet. Bitte bedenke: Jede Gruppe hat ihre Spezialkräfte – bei der Polizei nennt sich das SEK, die rechten Gruppen haben solche Spezialkräfte und die linke Szene nebst Antifa und Autonomen haben ebenfalls Spezialkräfte, passend für jeden Einsatz, das sind nicht viele, aber jedenfalls genügend. Nicht jeder Polizist ist bei einer SEK, aber genügend, für den Fall des Falles.

    Diese Spezialkräfte machen das aber nicht aus Jux und Dollerei, sondern werden bewusst von interessierten Gruppen gerufen – ich kenne das aus den Protesten um Pershing-Raketen in West-Berlin damals und anderem. Sie brüllen auch nicht heraus, was sie wollen/können, sondern sind still und informiert, ansonsten wären sie nicht effektiv. Ja, sie sind bestens vorbereitet gewesen, aber: es waren Spezialkräfte der linken Szene, die von der linken Szene gerufen wurden, weil man Randale wollte.

    Selbstverständlich geben sie ihr Wissen nicht an jeden weiter. Ihre Aufgabe ist schlicht und einfach: Sie kommen, sie agieren, sie initieren; die weiteren „Events“ überlassen sie den Mitläufern, daran nehmen sie nicht mehr teil. Dass übrigens evtl. V-Leute der Staatsgewalt dabei waren, will ich nicht ausschließen – denn auch die haben gute Ohren und bekommen so einiges mit, was sie im Vorfeld auch nicht unbedingt herausposaunen, auch nicht hinterher.

    Ebenso aus alter Erfahrung stimme ich Dir zu, dass es geplant war, nur war es von allen Seiten geplant: Eskalation von der Polizei, Eskalation von einem Teil der Demonstrationgruppe oder dem Veranstalter selbst, wegen Medienaufmerksamkeit; das entzieht sich meiner und unserer aller Kenntnis, die Wahrheit kennen wir als Unbeteiligte nicht, werden sie wohl auch nicht erfahren – aber: es lief aus dem Ruder, das ist unverkennbar und zwar auf allen Seiten, deshalb ist auch die gespielte „Betroffenheit“ aller Beteiligten so groß und man möchte das Thema schnell vom Tisch haben, weil tatsächlich niemand davon einen Vorteil hat, im Gegenteil: der „normale“ Bürger ist angewidert und zwar von Politik und Randalierern. Qui bono zählt hier diesmal nicht – die Gesetze kommen auch so und sind von langer Hand in der Politik geplant. Deutungshoheit zurückgewinnen ist das Thema. Für neue „Terrorgesetze“ genügt schon eine blaue Platiktüte, liegengelassen in einer Wartehalle, die dann durch die Medien gejagt wird, weil was von Terrorgefahr publiziert werden kann.

    Und dass die Demo auf allen Seiten aus dem Ruder gelaufen ist, da sprechen die Gesichter der Politiker Bände und zeigt mir folgendes Zitat aus den Kreisen der linken Szene in Hamburg: „Das hätten die überall machen können, in den Vierteln der Reichen z.B., aber doch nicht bei uns!“ – Das gute, alte Sprichwort: „Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andere an.“

    Die Veranstalter sind die Geister, die sie riefen, nicht wieder losgeworden. Es kamen nicht nur die „Guten“, die „Speziellen“, die sie wollten und wo es „im Rahmen“ geblieben wäre, oder an „richtiger Stelle“ gebrannt hätte, denn etwas Randale ist ja ok, laut Medien und so, nein, es kamen auch andere und zwar in der Mehrheit andere, weil bei diesen Demonstrationen in großer Zahl nun zunehmend gewaltbereite linke Chaoten anwesend sind, die es lustig finden, wenn zerstört wird – egal was, die politische Aussage zählt nicht mehr und das wurde jahrelang von den Medien und auch den entsprechenden Politikern gefördert, zumeist durch Verharmlosung.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Okay, wir kommen aus verschiedenen Ländern. Als ich studierte, wussten die Chemiker, wie man Alkohol destilliert, Knallsilber anrührt und für die Faschingsparty ein paar special effects zaubert. Und das Abtippen von Flugblättern war etwas, wozu man Mut brauchte.
      Und nee, Randale ist nicht in Ordnung, aber es gibt Dinge, gegen die man auf die Straße gehen muss.

  4. Klaus Schmidt schreibt:

    In Hamburg wurde geprobt für die Durchsetzung der Konzernmacht gegen Demokratie , für die offene Diktatur des gewöhnlichen Kapitalimus ohne parlamentarisch Schnörkel.

  5. Klaus schreibt:

    Simon Goldstein läßt grüßen.

    Bei all dem Getöse habe ich weder etwas über die Anliegen der friedlichen Demonstranten mitbekommen noch viel über den eigentlichen Gipfel. Tja.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Äh, ja, das ist der Trick bei der Sache. Auf dem Gipfel wurde offenbar reinweg gar nichts beschlossen. Man war sich nur in einem einig: Dass man ganz furchtbar wichtig ist.

  6. Pingback: Are you watching closely? | u1amo01

  7. Max Headroom schreibt:

    @Heidrun Jänchen:
    Es heißt eigentlich „Model Mugging“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Model_Mugging), aber „model mucking“ gefällt mir ganz gut, da es nach „aufmucken gegen einen Angriff“ klingt 🙂
    @Matcha
    Zitat: „Ja, sie sind bestens vorbereitet gewesen, aber: es waren Spezialkräfte der linken Szene, die von der linken Szene gerufen wurden, weil man Randale wollte.“
    Da bin ich mir jetzt nicht so sicher, daß die Spezialkräfte aus der linken Szene kamen,
    aber ich pflichte bei, daß die Randale gewollt war.
    Weiterführendes Lesen:
    https://www.jungewelt.de/artikel/314298.feilen-am-feindbild.html
    https://www.jungewelt.de/artikel/314359.pr%C3%BCgel-f%C3%BCr-die-pressefreiheit.html
    https://www.jungewelt.de/artikel/314312.uniformierte-chaoten-drehten-frei.html
    Dazu noch das Zitat des Tages:
    „Grundrechte einzuschränken ist nun mal Teil der Aufgabe und schützt die Demokratie vor zu großem Individualismus“
    Die Gewerkschaft der Polizei Hamburg (GdP-HH) über Twitter am Mittwoch. Nach Widerspruch löschte und korrigierte die GdP-HH:
    »Die Polizei schränkt Grundrechte nicht ein, sondern wägt sie ab.«
    Beides läuft der Gewaltenteilung zuwider.

  8. Matcha schreibt:

    > Okay, wir kommen aus verschiedenen Ländern. Als ich studierte,
    > wussten die Chemiker, wie man Alkohol destilliert, Knallsilber anrührt
    > und für die Faschingsparty ein paar special effects zaubert.

    Och, schade, nur das? Da bin ich doch extra in die damalige DDR nach Ost-Berlin gefahren, um mir das Organikum zu holen, weil es in der BRD und West-Berlin zu der Zeit nicht in der Version zu haben war, die für die wirklich wichtigen Informationen benötigt wurden, die waren nämlich entfernt. Habe ich freundliche 25 DM Umtauschgeld zur Einreise in den Arbeiter und Bauernstaat auf den Tisch gelegt und die erhaltenen DDR-Mark in einen Broiler umgesetzt, dazu eben benanntes Organikum, in vollständiger Version, sowie ein weiteres Chemiebuch aus Russland mit vielen hübschen Tabellen.

    Denn für den entsprechenden Grundgesetzartikel der BRD „…frei und ungehindert aus allen Quellen informieren…“ musste man schon damals das Land verlassen und sich woanders umschauen.

    Was Lehrer einem erzählen oder an der Uni zu erfahren ist und was in den Büchern wirklich steht und zu finden ist, ist gewöhnlich immer sehr verschieden. Selbstverständlich könnten sie Dir erklären, wie man die reiche Erboma bei einem Bad in seleniger Säure und anderen Zutaten auflöst, ohne Spuren zu hinterlassen, nur werden sie es nicht tun; stattdessen bekommst Du mit einem Lächeln ein paar Partyknaller serviert. Und in einer Kampfsportschule wird gewöhnlich auch darauf geachtet, jene auszusortieren, die nur kommen, um zu lernen, wie anderen bei jeder Gelegenheit die Fresse poliert werden kann. Gelingt jedoch nicht immer und so gelingt es auch nicht, jene auszusortieren, die bei Randale nur über die eigene Zerstörungswut vorgehen und doch sind sie zunehmend in der Mehrheit.

    > Bei all dem Getöse habe ich weder etwas über die Anliegen der friedlichen Demonstranten mitbekommen

    Friedliche Demonstranten gehen medial immer unter, war schon damals so, als uns die Wasserwerfer von der Straße fegten. Friedliche sind nichts weiter als Mittel zum Zweck, sind bei einer Demo nötig: können später zur Verteidigung der eigenen Interessen als Schutzschild vorgehalten werden, um vom eigentlichen Problem ablenken zu können, war nie anders und wurde direkt darauf hingearbeitet. Das friedliche Anliegen ist uninteressant, weder für die Politik wichtig, noch für die Polizei und für die „interessierten Zirkel“ im Hintergrund der Demo ebenfalls nicht.

    Interessant für die Medien ist dagegen immer die Sensationsnachricht, Beispiel: stürzt ein Flugzeug ab, steht die Zahl der Opfer sofort in der Schlagzeile; tausende Tote durch Autounfälle pro Jahr interessieren dagegen eher nicht – für die Medien ganz normal, auch der Bürger nimmt davon kaum Notiz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s