Populismus 1: Wie weiß ist der Schimmel?

Zebraarsch

Populisitische Meinungen sind im Volke weit verbreitet, aber die wenigsten Leute sind Populisten – ungefähr wie ein Zebraarsch, auf dem Schwarz weit verbreitet ist, auch wenn er überwiegend weiß ist.

„Wie populistisch sind die Deutschen?“, fragt sich die Bertelsmann-Stiftung und macht eine Studie daraus, mit der sie die Welt beglückt.
Meine nicht vorhandenen Lateinkenntnisse meinen, „populus“ heiße schlicht „Volk“. Die Frage laute also: Wie volkig ist das Volk? Also schaue ich im Duden vorbei, Ausgabe 1996. Der meint, Populismus sei „(opportunistische) Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht.“ Versucht das Volk, sich selbst günstig zu stimmen? Mit Politik? Wie weiß ist eigentlich so ein Schimmel?
Tatsächlich haben die Bertelsmänner ihre eigene Definition. Es hilft, das Kapitel „Was ist Populismus?“ zu lesen. Bei Soziologen muss man immer erwarten, dass sie definieren, Grün sei die Farbe des Himmels am Mittag oder zur Zeit des Sonnenuntergangs, keineswegs aber das, was ein normaler Mensch darunter versteht. Das unterscheidet sie von Mathematikern, die grundsätzlich nichts definieren, worunter ein normaler Mensch überhaupt etwas verstehen könnte.
Bertelsmann übersetzt Populismus mit Politikerverdrossenheit, gepaart mit der Meinung, im Volk gäbe es eine einheitliche und grundsätzlich vernünftigere Meinung. Viele der Befunde wirken dann seltsam tautologisch. Wer meint, „Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren
sie nicht“ oder „Wichtige Fragen sollten nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden“, der ist mit dem Funktionieren der Demokratie im Lande eher unzufrieden. Wer den Parteien nicht traut (also Populist ist), der geht eher nicht zur Wahl. Und wer wenig verdient, der fühlt sich von den Politikern am wenigsten vertreten. Das spricht für einen erstaunlichen Realismus, denn das gestrichene Kapitel im Armuts- und Reichtumsbericht kam genau zu dem Schluss, dass die Umsetzung politischer Anliegen umso wahrscheinlicher ist, je mehr die Anlieger verdienen.
Verbreitet wird in den Medien allerdings vor allem die Populismusneigung nach Parteienvorliebe. Da erfährt man, dass CDU und Grüne die am wenigsten populistischen Wähler haben. Klar; wer meint, die da oben würden das schon irgendwie machen, der ist mit diesen Parteien gut bedient.
Daneben gibt es eine Handreichung für den Wahlkampf. Am meisten Punkte kann man mit den Themen EU (Zusammenarbeit ausbauen), Umverteilung (moderat höhere Steuern für Reiche) und Flüchtlinge (am besten einige abschieben, keinesfalls aber viele aufnehmen) machen. Dagegen interessiert sich kaum jemand für Globalisierung, Umweltschutz, Kriminalitätsbekämpfung oder die Bekämpfung der Korruption. Auch die Stärkung der Bürger- und Freiheitsrechte geht Max Mustermann am Hinterteil vorbei – das wird die Kollegen Piraten deprimieren. Lediglich Volksentscheide und der Gummibegriff „Interessen der Bürger verteidigen“ stoßen auf signifikante Zustimmung – aber viel weniger als der Umbau der EU in einen einheitlichen Staat.
Jetzt können die Phrasendreschmaschinen für den Wahlkampf geölt werden. Bertelsmann hat eine klare Ansage gemacht, wohin die Reise im Lande zu gehen hat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Populismus 1: Wie weiß ist der Schimmel?

  1. Max Headroom schreibt:

    Egal, wer welche Phrasen drischt (und leider werden nur solche gedroschen), läuft es doch nach der Wahl sicher auf eine, wie auch immer geartete, Koalition hinaus.
    Dazu schrieb Ambrose Bierce (1842 – 1914):
    „Politisches Bündnis:
    In der internationalen Politik die Vereinigung zweier Diebe,
    die ihre Hände so tief in den Taschen des anderen stecken haben,
    daß sie nicht unabhängig voneinander einen dritten ausplündern können.“
    Langjährige Erfahrung sagt mir, daß der ausgeplünderte Dritte der Bürger ist.
    Also alles wie immer. Nur schlimmer …

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