38.5 Grad im Thüringer Wald

Das ist ein Post für den Kollegen Biskupek, der uns leider nicht begleiten konnte, weil er gerade nicht gut zu Fuß war.

(Anklicken, um die Galerie zu öffnen)
Das Hotel in Lehesten, in dem die Thüringer Schriftsteller zusammengekommen waren, steht wahlweise auf
– einem Schieferfelsen
– einem gigantischen, wassergefüllten Hohlraum, ist also eher eine Art Boot
– einer gigantischen Ansammlung leerer Flaschen, weil die Dumperschuppenschlosser angeblich samt und sonders soffen wie die Löcher. In diesem Fall wie Bruchlöcher, und da passt eine Menge hinein.
Zahllose Schienen durchschneiden die Gegend. Es sieht aus wie der Leipziger Hauptbahnhof, nur dass die Schienen unweigerlich unter tannebaumgroßen Fichten verschwinden. Ein verzauberter Bahnhof, der darauf wartet, von einem jungen, schönen Lokomotivführer wachgeküsst zu werden. Die Erläuterungstafeln für Touristen kann man erst nach einem Bergbauingenieursstudium verstehen. Vielleicht warten die Schienen auch auf einen Bergbauingenieur.
Die Bruchlöcher sind Tagebaue, die abgesoffen sind und jetzt wahlweise leuchtend blau (mit Salpeterzusatz) oder trüb (mit Alaun) in der Gegend liegen. Begrenzt werden sie von Schrämmwänden – senkrechten Felswänden, von denen man ehedem in Blöcken den Schiefer abspaltete. Nur ein Bruchteil ist wirklich gut genug für Dachziegel und Tafeln, der Rest ist Schutte und türmt sich zu riesigen Halden, auf denen Trockenrasen-Gesellschaften siedeln. Man baut allerdings auch alles Mögliche daraus – Mäuerchen für Hochbeete, die Befestigung von Wanderwegen, Tischkarten im Hotel …
Im Gebiet Lehesten liegt der Schiefer unter einem Winkel von 38.5°, im Durchschnitt jedenfalls. Früher lag er einmal flach und war Tonerde, dann donnerten im Karbon Gondwana und Laurasia aufeinander, und in der Knautschzone faltete sich das Thüringer Schiefergebirge auf. Das ist jetzt etwa 300 Millionen Jahre her und heißt Variszische Faltung. Das Ergebnis ist der möglicherweise beste Schiefer der Welt, wenn man nicht gerade einen Wassereinträger, einen Absatz in der glatten Fläche hat, den der Dachdecker schlampigerweise nach oben verlegt hat.
Die Gegend ist gefährlich. Nicht nur, dass das Weberloch gern für Selbstmorde genutzt wird. An manchen Stellen ist der Fels wittrig, und dann kann dem Bergmann abschreckendes Gestein auf den Kopf fallen. Aber nicht an diesem Sonnabend. Da war das Ärgste, was einem auf den Kopf fiel, Regenwasser, und dazu schien wunderhübsch die Sonne, doch die stand zu hoch, um einen sichtbaren Regenbogen zu erzeugen. Alles Gute ist nie beisammen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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