Liebeserklärung an die Wüste

Yuyao_Street

Abends gerät man in Erklärungsnot, wenn man spazieren gehen will, statt gefahren zu werden.

Ich glaube, wir fahren in ferne Länder, um zu verstehen, wie schön das eigene ist. Also nicht ich. Ich fahre in die wirklich fernen Länder, um Lieferanten auf die Nerven zu fallen oder meine Nerven von Kunden befallen zu lassen. Aber die Wirkung ist die gleiche. Während ich Länder wie Norwegen, Frankreich oder Großbritannien ohne Heimwehschübe ertrage, befällt mich in China regelmäßig eine akute und innige Vaterlandsliebe.
Morgens, ich trete vom Jetlag leicht derangiert auf den Hotelflur, hält mir ein Bediensteter die Fahrstuhltür auf. Nett, ja. Danke. Im Erdgeschoss steht vor dem Fahrstuhl eine junge Frau, die mir den Weg zum Frühstücksraum weist, damit ich nicht irrtümlich in die andere Richtung gehe und nach etwa fünf Metern gegen die Wand pralle. Ich nicke dankbar.
Am Eingang zum Frühstücksraum begrüßen mich gleich drei junge Frauen. Eine scannt meine Schlüsselkarte, eine sagt: „Good morning“, und die dritte verhindert, dass ich mir mein Teekännchen selbst fülle, indem sie sich beherzt zwischen mich und den Thermosbehälter wirft. Einer vierten wird Kännchen und Tässchen übergeben, um es mir an den Tisch zu bringen.
Wenig später, ich habe just den letzten Rest des Croissants verputzt und will mich aufmachen, um noch einen labberigen Toast und ein paar Scheiben köstlichen kalten Entenbratens zu holen, stürzt eine fünfte auf mich zu und fragt, ob sie meinen Teller abräumen könnte. Nein, darf sie nicht. Ich brauche den noch. Sie kommt wenig später wieder und schnappt sich die leere Saftflasche, dann die Obstschüssel und schließlich, mit einem stillen Triumph, doch noch den Teller. Im Handstreich erbeutet sie gleichzeitig meine Teetasse und -kanne. Während ich esse, kreist sie wie ein Geier unablässig um mich herum. Ich argwöhne, dass das Hotel an Geschirrmangel leidet und deshalb alles sofort eingesammelt, gewaschen und wieder in Umlauf gebracht werden muss. Wahrscheinlicher aber steht irgendwo eine Aufseherin, die die Verweilzeit leerer Geschirrstücke auf den Tischen stoppt und danach den Lohn bemisst.
Kurz darauf gehe ich durch das Foyer nach draußen. Eine junge Frau steht am Wegesrand, deren einzige Aufgabe es ist, mich mit einem freudigen: „Good morning, madam“ zu begrüßen. Ein Hotelpage reißt vor mir die Tür auf, obwohl Zentimeter daneben die automatische Drehtür auf mich wartet.
An dieser Stelle befällt mich Sehnsucht nach der Servicewüste Deutschland, wo man morgens einfach in Ruhe gelassen wird und ungestört morgenmuffeln kann, ohne alle zwei Meter zu geheuchelter Dankbarkeit genötigt zu werden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Liebeserklärung an die Wüste

  1. Matcha schreibt:

    Komm nach Japan, da sagen dir Rolltreppen, dass sie Rolltreppen sind und Fahrstühle, dass sie Fahrstühle sind und das mit vorauseilender Melodie und durchlaufend – und zwar jede Rolltreppe, auch wenn sie nebeneinander gebaut sind. Interessant wird es dann, wenn die eine aufwärts fährt, die andere abwärts, Text und Melodie sind leicht unterschiedlich.

    Jeder Zug hat seine eigene Melodie bei Einfahrt in den Bahnhof – sind die Gleise nebeneinander und fahren zwei Züge gleichzeitig ein, gibt es Mozarts Kleine Nachtmusik und Beethovens Fünfte, zeitgleich. Jeder Bahnhof hat seine Erkennungsmelodie, hat den Vorteil, dass man bei Nahverkehrszügen aus dem Schlaf geweckt wird, wenn der richtige Bahnhof kommt – gewöhnt man sich schnell an: einsteigen, einschlafen, fahren, Melodie im Schlaf hören, aus dem Zug springen. Auf dem Bahnsteig zwitschern Vögel aus Lautsprechern…aber Teller werden in Hotels nicht vorzeitig eingesammelt.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In Shanghai auf dem Flughafen haben sie eine Rolltreppe, die alle zehn Sekunden fordert, man möge den Handlauf anfassen und seinen Tritt finden – so laut, dass man sie 50 m weiter noch bestens versteht. Ich habe keine Ahnung, wie die Leute auf dem benachbarten Gate das aushalten. Ich selbst hatte nach etwa 5 Minuten das Bedürfnis, Amok zu laufen, was mit einem zerknüllten Pappbecher als Waffe irgendwie nicht überzeugend wirkt. Also habe ich lieber eine ruhigere Ecke gesucht. Jetzt weiß ich immerhin, wozu der Sicherheitscheck gut ist …

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