Parallelen

MossosSpäter am Abend erreicht mich eine Mail von Josep, der unglücklich ist, in einem undemokratischen Staat zu leben, der auf Bürger einrpügeln lässt, die eine falsche Meinung haben. Er schickt mir Videos und Fotos. Ein Video zeigt, wie die Mossos d’Esquadra, die katalanische Regionalpolizei, dazwischengeht, als die Guardia Civil auf Demonstranten einprügeln will. Die Mossos tragen eine normale Uniform, keine Helme. Es fällt das Wort „Faschisten“. Etwa 40 % der Katalanen haben trotz Polizeigewalt abgestimmt, 90 % für die Abspaltung. Die Generalitat meldet, man habe natürlich nicht die Urnen auszählen können, die von der Guardia Civil beschlagnahmt wurden.
Die deutschen Medien – ich kann’s nicht glauben – monieren, das Referendum habe nicht demokratischen Standards genügt. Zeitweise habe es kein Internet in den Wahllokalen gegeben, es sei zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Das Ergebnis sei also nichts wert. Super. Man schleppt ein paar Wahlurnen weg, prügelt die Leute aus dem Wahllokal und unsere Medien geben den Veranstaltern die Schuld, dass die Standards nicht stimmten. Das ist Wahlfälschung mit Polizeiknüppeln.
Irgendwie erinnert mich das an die Kommunalwahl 1989. Wir hatten erkannt, dass uns die Verfassung das Recht der Wahl einräumte, und wir waren wild entschlossen, es zu nutzen. Wir waren euphorisch. Wir wollten zeigen, dass es nicht um Zustimmung zur Politik der Partei- und Staatsführung ging, sondern um eine Wahl. Manche Kandidaten waren auch zum Heulen. Wir hatten auch Angst, weil wir wussten, was von uns erwartet wurde. Eine Wahlkabine aufzusuchen, das war unerhört. Wir taten es. Wir benutzten die Kugelschreiber, ehe wir die Wahlzettel falteten.
Die Wahlurne, in der auch mein Zettel lag, enthielt am Abend 16 % Stimmen mit Streichungen, also Nein-Stimmen zu einzelnen Kandidaten. Das war keine Mehrheit, aber ein Aufstand.
Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass die Kandidaten der Nationalen Front mit 98 Komma irgendwas Prozent gewählt wurden. Als hätte es den Aufstand nie gegeben. Man ignorierte unsere Meinung auch. Man ignorierte auch die Wahlkabinenbenutzung. Niemand stellte uns zur Rede. Es war, als hätten wir wie immer die Zettel gefaltet.
Von da an gingen Menschen auf die Straßen. Flugblätter tauchten auf. Man sprach von Alternativen. Ein Dreivierteljahr später gab es den Staat nicht mehr, der sich geweigert hatte, seinen Bürgern zuzuhören.
Natürlich gibt es einen wesentlichen Unterschied: Der DDR wirft man bis heute vor, sie habe Pläne gehabt, gewaltsam gegen Demonstranten vorzugehen. Geschehen ist das nicht. In Spanien sieht das anders aus.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s