Unwissenschaftliche Oasen

Jena lässt sich gerade für eine ansehnliche Summe ein semiwissenschaftliches Konzept zu „Klimaoasen“ erstellen. Mit anderen Worten: Nachdem in den letzten Jahren die Kettensäge regierte und jeder grüne Fleck akribisch gepflastert wurde, lässt man jetzt erforschen, wo man denn vielleicht einen Blumenkübel aufstellen sollte, um das Stadtklima zu retten. Außerdem soll untersucht werden, – haltet euch fest! – wie man die Akzeptanz für diese Klimaoasen steigern könnte. Als gäbe es in der Bürgerschaft ein Problem damit, Grünflächen zu akzeptieren. Nach meiner Erfahrung geht es anders herum: Die Leute haben ein Akzeptanzproblem mit hochwertigem Pflaster. Aber einen Tipp hätte ich schon. Hölzerne Bänke mit Lehne erfreuen sich größter Beliebtheit.
Gleichzeitig startete die Debatte, wie denn der „Bürgergarten“ am Eichplatz künftig aussehen sollte. Um eine Bürgerin zu zitieren: „Garten ist was Grünes, wo was wächst, was seine Wurzeln in der Erde hat.“ Das musste man tatsächlich so deutlich sagen, denn da gab es schon wieder Träume in Pflastergrau und Betonöde.

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Da wir außerdem aufgefordert wurden, positive Beispiele beizubringen, komme ich noch einmal auf das südfranzösische Cahors und seine Jardins Secrets zurück. Die Leute da haben ganz ohne hochentwickelte Konzepte fröhlich drauflos gepflanzt. Winzige Ecken sind zu bunten Explosionen von Leben oder verträumten Ruheorten geworden. Obwohl die Städte des Midi sehr steinern sind, hat man genug Erde für Wurzeln gefunden. Einen Plan hat man übrigens trotzdem. Die Gärten haben Themen, meist aus der Geschichte der Stadt. Das könnten wir in Jena auch gebrauchen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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7 Antworten zu Unwissenschaftliche Oasen

  1. Evelyn schreibt:

    Liebe Heidrun! Was hältst Du von Guerilla Gardening? In Lüneburg hat sich das mit Blumenaussaaten oder Stauden in manchen Ecken mal mehr, mal weniger etabliert, um Straßenbäume herum, an Spielplätzen oder mang Pflastersteinen 🙂
    https://de.wikipedia.org/wiki/Guerilla_Gardening

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich bin ein Profi. Auf dem Jenaer Eichplatz haben wir gegen die gewollte Verwahrlosung Blumen in die Grünanlage gepflanzt. Die Stadt hat gleichzeitig die Initiative Essbare Stadt mit ihrem Umweltpreis ausgezeichnet – und sich geweigert, die Blumen auf dem Eichplatz auch nur zu gießen. Die Leute schätzen und lieben es, und bei Trockenheit fahre ich nach wie vor mit einem Auto voller Wasser auf den Platz.

  2. Matcha schreibt:

    Passend zur Geschichte der Stadt und der Rettung des Stadtklimas wären einige Blumenkästen in Form eines Abbeschen Refraktometers sinnvoll, bepflanzt mit thüringischen Wildpflanzen aus der Wildpflanzensamenbank der Uni Jena, freut sich die Insektenwelt.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Du meinst vermutlich den Zeissschen Achromaten? Refraktometer sind von der Form her nicht so charakteristisch. Gegen Wildblumen spricht nie etwas, aber ich kann berichten, dass die Renner bei mir im Garten Krokusse, Bergahorn, Lavendel und Bohnenkraut sind – in dieser (zeitlichen) Reihenfolge. Die Hummeln nehmen auch ausländisches Zeug, und diese Pflanzen sind sehr pflegeleicht.
      Aber Hauptsache, es blüht überhaupt.

      • Matcha schreibt:

        Eigentlich meinte ich wirklich ein Abbe-Refraktometer, das ’sches‘ nach Abbe hätte ich mir wohl sparen können…
        Das Original von 1904 – als Vorlage – hat einen großen Standfuß, der könnte als Beet dienen, der Rest sieht ein wenig wie ein Mikroskop aus, bietet also Platz für jede Menge Hängeampeln und einen kleinen Springbrunnen aus dem Okular, das 1904er Modell hatte zusätzlich ein Thermometer, Heizspirale und Druckregulator – perfekt; na ja, ist nur Spaß.

        Ja, Hummeln, Bienen gehen gut auf alles was blüht und Süßkram in Form von Nektar enthält, echte Zuckerjunkies, auch was für ihre Sehweise die richtigen Farben hat, bzw. Geruch für ihre Rezeptoren, je nachdem und wenn es sich dabei um Zierpflanzen handelt, haben die oft nicht genug Nährstoff für die kleinen Flieger, z.B. nur gefüllte Blüten, weshalb Bienen intensiv diese Pflanzen anfliegen, um das geringere Nahrungsangebot ausgleichen zu können, das ist jedoch nicht weiter schlimm – reicht es nicht für einen größeren Vorrat, wird der Bienenstock kleiner, stirbt aber nicht gleich. Hier jetzt im Text und Moment abgesehen von den auf Feldern und Gärten ausgebrachten Pflanzenschutzmitteln.

        Probleme haben mehr die anderen Insekten, Hornissen und Wespen, Schmetterlinge usw. die dringend benötigen, was eben Lavendel, Bohnenkraut, Thymian, Oregano usw., sowie Krokus nicht hergeben – aber ein städtisches Feld aus blühfähigen Wildpflanzen, etwas Pioniergehölz für die Hornissen/Wespenfraktion dazu, damit die was zu raspeln haben, um ihre Nester bauen zu können, verrottendes Holz für Erdwespen, was das Gebiet für Besucher wieder schwierig macht, weil die Erdwespen richtig stechfreudig sind, das Ganze durchsetzt mit Disteln und Brennnesseln, für die in Deutschland zunehmend bedrängten Schmetterlinge, wie kleiner Fuchs und auch Tagpfauenauge, die auf solche Bereiche angewiesen sind, kann wahrscheinlich dem Auge des Stadtbewohners nicht unbedingt zugemutet werden. Lebensräume für Käfer wäre ein weiteres, sehr heikles Thema.

        Nahrungssuche über diverse blühende Pflanzen funktioniert bei Schmetterlingen auf elektrophysiologischem Weg, sie haben Rezeptoren auf ihren Fühlern, die den Geruch aufnehmen, gewöhnlich die Blüten der Wirtspflanzen für die Raupen, darauf sind sie geprägt. Passt der Geruch zu einer anderen Pflanze, wie z.B. Sommerflieder, freuen sich alle Gartenbesitzer über die vielen Schmetterlinge, die dort kommen. Die Schmetterlinge finden aber nichts für die Eiablage und Ernährung ihrer Raupen im Sommerflieder, die Raupen benötigen ihre spezielle Pflanze, sie können nicht irgendwas fressen. Ist der Schmetterling erfolgreich bei der Nahrungssuche, wird diese Geruchskomponente in die Rezeptoren eingefügt und sie fliegen immer wieder bevorzugt diese Stellen an. Die Rezeptoren werden, einfach gesagt, nach längerer Zeit blind für die eigentliche Pflanze, die ihre Lebensgrundlage darstellt – Nahrung gesichert, die Nachkommen jedoch nicht. Auf diese Weise können Schmetterlinge durch eine große Zahl unterschiedlicher Geruchskomponenten in die Irre geführt werden; besonders übel ist das bei Nachtfaltern, da merkt es jedoch kaum einer – die Fledermäuse schon, aber die beschweren sich nicht aktiv darüber.

        Eine Vielzahl von Insekten an einer Pflanze sagt also nichts über das weitere Überleben dieser Insekten aus. So ist nichts gegen Sommerflieder zu sagen, wenn z.B. Brennnesseln als Futtergrundlage für die Raupen von verschiedenen Schmetterlingsarten in direkter Nähe wachsen und vor allem zur Blüte kommen dürfen, ohne gleich als Unkraut entfernt zu werden.

        Städtische Blumenkübel sind tatsächlich eher etwas fürs Auge und gute Gewissen, als hilfreich für das Überleben von Insekten – dazu müssten schon ganze Flächen, notfalls auch Flachdächer, kontrolliert verwildern dürfen. Kontrolliert deshalb, weil in den meisten Fällen eine kleine Fläche, und so eine Grünanlage ist eine kleine Fläche, relativ schnell zu einer Gras-Monokultur verfällt, es muss also ein wenig geholfen werden, mit dem notwendigen Gefühl – und eine begleitende Erklärung für die Bewohner der Stadt, die evtl. aufgeräumte, hübsch blühende Flächen bevorzugen.
        Das ist vergleichbar mit dem gut gemeinten Projekt, Felder stillzulegen und Wiesen anzulegen, wenn nun die Wiese im Jahr mehrfach gemäht wird, weil Futter für Vieh getrocknet werden soll, wird sich dort überwiegend Gras durchsetzen und die Fläche ist dann genauso Monokultur, wie es das Feld vorher auch war.

  3. Holger Herrmann schreibt:

    Vielleicht sollt man lieber aufzeigen wieviel grün in Jena bereits verschwunden ist und weiterhin verschwindet. Das Geld was mit diesem Konzept zum Fenster rausgeworfen wird, sollte die Stadt Jena sinnvoller dafür verwenden die vorhandenen Anlagen zu pflegen und die Blümchen mal zu giesen

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ungefähr das habe ich gefühlt schon hundertmal vorgeschlagen, aber solange wir eine stabilie Koalition haben, die den grünen Filz in der Stadt bei Laune halten möchte, werden Studien in Auftrag gegeben und nicht Gärtner eingestellt. Dagegen helfen nur andere Mehrheiten im Stadtrat.

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