Ökologisch korrekt bechern

KaffeeDie Grünen in Jena tun sich mit Ökologie schwer. Dafür haben sie einen Sinn für die unwichtigen Kleinigkeiten des Lebens. Der Gegenstand ihres neusten Kreuzzuges: der Papp-Kaffeebecher. 3 Milliarden davon werden in Deutschland verkauft, behaupten sie – ohne Angabe einer Zeiteinheit. Schrecklich, meinen sie. Der Coffee-to-go-Becher muss weg.
Ich bin so uralt, dass ich mich an Zeiten erinnern kann, in denen Bohnenkaffee, auch Richtiger Bohnenkaffee genannt, so teuer war, dass keiner auf die Idee gekommen wäre, ihn im Laufen runterzuschütten. Dazu setzte man sich und genoss. Darüber könnte man reden. Die Leute haben ein Problem mit dem Genießen. Aber das ist nicht der Ansatz der Grünen. Sie wollen hektisch-modernen Lifestyle mit grünem Ablasszettel. In diesem Fall: mit Becherpfand.
Wie allgemein bekannt ist, ist die Mehrwegquote seit Einführung des Dosenpfandes deutlich gesunken. Das war auch so eine grüne Weltrettungsidee.
Ihre alarmistischen Daten haben die Grünen bei der Deutschen Umwelthilfe abgeschrieben. Die rechnet höchst abenteuerlich, ausgehend vom Pro-Kopf-Verbrauch an Kaffee über den Anteil von Außer-Haus-Kaffee und den Milchanteil im Kaffee aus, dass jeder Deutsche 34 Wegwerfbecher pro Jahr verbraucht.
Belastbare Zahlen hat man nicht, lediglich Befragungsergebnisse aus Berlin, basierend auf einer Stichprobe von nur 1.001 Bürgern. Ein Drittel der Berliner konsumiert Kaffee aus Pappbechern, „viele bis zu zehnmal im Monat“. „Bis zu“ ist so ziemlich die vageste mögliche Angabe. Man kann das bei Emnid nachlesen. 10 % der Berliner verbrauchen mehr als 10 Becher pro Monat, weitere 9 % irgendwas zwischen 4 und 10 – da liegt also schon ein Faktor von 2.5 drauf. Es geht insgesamt um eine kleine Minderheit, die wirklich viel Müll produziert – und eine große Mehrheit, die nur hin und wieder aus Gründen zur Pappe greift. Zudem ahnen selbst die Leute von der Umwelthilfe, dass auf dem Land schon mangels Gelegenheit der Becherverbrauch deutlich niedriger ist.
Aus Erfahrung weiß ich, dass Bäcker in aller Regel coffee-to-sit (oder -to-stand) ebenso wie den zum Weglaufen im Angebot haben. Auch Tankstellen haben teilweise beides. Meine 65-Menschen-Firma, die mit Kaffee-Antrieb läuft, hat schon vor Jahren Keramik statt Pappe eingeführt (macht rund 150 Becher weniger am Tag, also etwa 30.000 im Jahr!) und deckt etwa 90 % meines Außer-Haus-Kaffeekonsums ab. Nur wenn ich zwischen Flügen und Zügen durch Bahnhöfe haste, greife ich zum Wegwerfbecher. Man darf die Statistik also anzweifeln. Und die Wirksamkeit von Becherpfand. Soll ich allen Ernstes meinen eigenen Edelstahlbecher auf Dienstreisen mitschleppen? Ich wage nicht zu berechnen, wieviel dessen Transport in einem Flugzeug nach China und zurück an Treibstoff kosten würde.
Wieviel Energie die Herstellung eines Mehrwegbechers kostet, unterschlägt die Umwelthilfe. Wie lange ist er im Einsatz? Wie oft fallen Tassen in Bäckerläden herunter? Wann sind sie von der Spülmaschine so zur Unansehnlichkeit gespült, dass sie im Müll landen? Sie behaupten, für die Reinigung brauche man nur wenige Millilter Wasser, während die Herstellung eines einzigen Pappbechers einen halben Liter verschlingt (Was so nicht stimmt. Das Wasser wird angeschmuddelt, aber nicht verbraucht. Es kommt wie bei der Kuh am anderen Ende wieder heraus, und die wichtige Frage ist die der Klärung. Die Wüste in der Sahel-Zone wird kein bisschen feuchter, wenn wir in Deutschland Wasser sparen.). Eine ordentliche, wissenschaftlich belegbare Ökobilanz gibt es nicht.
Mit anderen Worten: Die weltrettende Wirkung des Kaffeebecherpfandes ist mehr als fraglich. Ich hätte, statt die Stadtverwaltung zur Erarbeitung eines derartigen Konzeptes zu verpflichten, lieber einen Winterdienst auf Radwegen. Davon abgesehen entspricht ein einziges der A1-Doppelplakate, die gerade die Grünen im Wahlkampf so verschwenderisch aufhängten, etwa 38 Kaffeebechern, und das ist mehr, als der Durchschnittsdeutsche im Jahr verbraucht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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