Im Bahn-Paradies

Auf Dienstreisen versuche ich immer mal wieder, mit der Bahn zu reisen. Meist führt das zu einem neuen persönlichen Rekord im Bahnsteigsprint und anschließend einem trotzdem verpassten Anschlusszug. Wenn auf eins Verlass ist bei der Bahn, dann auf ihre Verspätungen.
Vor zwölf Jahren baute man in Jena für die tollen neuen ICE-Züge den Paradies-Bahnhof komplett neu. Die Stadt kostete das knapp 1.9 Mio. €, den Freistaat Thüringen 11 Mio. €. Das Ding ist ein Muster an Menschenfeindlichkeit. Das zu schmale Dach über den beiden Bahnsteigen schützt weder vor Regen noch vor Schnee, man steht wie auf einem beliebigen S-Bahn-Haltepunkt ungeschützt im Freien. Die winzigen mit Glaswänden abgetrennten Bereiche, eine Art integrierte Buswartehäuschen, bieten tatsächlich vier Sitzplätze. Auf den Treppen sitzen ist bei der Bahn verboten. Einen Warteraum gibt es nicht, nur einen zugigen Durchgang. Auch eine Toilette fehlt, denn dazu ist nach einem Bundesgesetz die Bahn nicht verpflichtet. Wenn man Leute vom Bahnfahren abschrecken möchte – Jena-Paradies ist ein guter Ansatz.
Seit Sonntag gibt es keine ICE-Züge mehr in Jena. Die fahren jetzt über die tolle Neubaustrecke über Erfurt, am ungeliebten Ostthüringen vorbei. Die derzeitige R2G-Regierung feiert das Ereignis ebenso wie zuvor die CDU. Peinlicherweise hatte bereits der mit viel Trara in Berlin auf die Reise geschickte Eröffnungs-ICE in München zwei Stunden Verspätung. Man arbeitet daran, diesen Zustand zu stabilisieren.
Mit ihrer Werbung allerdings schlägt die Bahn alle Rekorde in der Disziplin „Scheiße als Bonbons verkaufen“:

Bahn_Berlin

Früher konnte man von Jena nach Berlin, ohne umsteigen zu müssen und Anschlusszüge zu verpassen. Nein, liebe Bahn, das ist weder schneller noch bequemer geworden, das ist einfach eine Unverschämtheit. Danke für gar nichts.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Im Bahn-Paradies

  1. Matcha schreibt:

    Es ist in der Bibel nicht sicher belegt, dass im Paradies Toiletten und wetterfeste Unterstände vorhanden sind – es wird lediglich von zwei Personen, einem Baum und einem Apfel berichtet, über den restlichen Inhalt fehlt es mir allerdings an Informationen. Von daher kann der Bahn da kaum ein Vorwurf gemacht werden, in ihrem Paradies in Jena keine Toiletten zur Verfügung zu stellen. Eventuell gibt es dort Äpfel? Es sollte vielmehr Freude darüber herrschen, dass es Schienen und Züge gibt, also mehr, was sonst über das Paradies berichtet wird.

    Zu Zeiten der DDR hatten die Paradiese eine Toilette, weiß ich, weil ich mal von Schönefeld aus über Erfurt ins gelobte Bayernland gereist bin. Im Zug saß eine diskussionsfreudige Dame und wir mussten in Erfurt umsteigen. Ich gab ihr zum Abschied die Hälfte meines Schokoladenvorrates. Sie schaute sich um und sagte: „Aber nicht hier in der Öffentlichkeit.“ – so hatte ich das Vergnügen, die Schokolade im Vorraum der Damentoilette zu überreichen.

    Es könnte sein, dass die Bahn keinen Bedarf mehr darin sieht, Schokolade auf Bahnhofstoiletten zu verschenken, von daher spart sie diesen Ort der Bedürfnis ein und gibt das Geld lieber der darbenden Werbewirtschaft. Laut Buch der Bücher soll es dazu auch nicht erlaubt sein, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, ich möchte die Bahn also dahingehend in Schutz nehmen, sich nicht zu der Erkenntnis durchringen zu können, welcher Zusammenhang zwischen Service und Kundschaft besteht.

  2. Evelyn schreibt:

    Klare Worte über unklare Zustände 🙂

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