Aus dem Leben eines Experimentalphysikers

1. Akt
„Werden die Umwelttests rechtzeitig fertig?“
„Nein, ich habe für die kommende Woche keine Anlagenzeit bekommen. Wir können das erst übernächste machen.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Dafür seid ihr verantwortlich.“
„Das erste Labor hatte keine Ahnung von dem, was sie tun, und das zweite hat vor zwei Wochen seine Maschine geschrottet. Ich habe einen Tag herumtelefoniert, um kurzfristig Ersatz zu bekommen. Ich bin froh, dass ich überhaupt was habe.“
„Ja schon, aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Ihr wisst das doch seit drei Monaten!“
„Weder die Unfähigkeit noch die kaputte Maschine waren geplant …“
„Ihr wisst das seit drei Monaten!“

2. Akt
„Habt ihr die Umwelttests jetzt abgeschlossen?“
„Ja, schon.“
„Dann können wir das freigeben?“
„Nein.“
„Wie – nein?“
„Die Module haben den Test nicht bestanden.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten.“
„Sie sind kaputt.“
„Wie konnte das passieren?“
„Als der Panzer drüber fuhr, ist das Gehäuse gebrochen. Ihr wisst, aus Kostengründen ist das aus Plastik und nicht aus Adamantit. Und beim Sturz in die Sonne ist das Lötzinn auf der Platine geschmolzen.“
„Bist du sicher, dass die Temperatur der Sonne korrekt war?“
„Es ist zwar Winter, aber die Sonne ist trotzdem so warm wie immer.“
„Aber wir brauchen den bestandenen Test für die Produktionsfreigabe. Das wisst ihr doch seit drei Monaten!“

3. Akt
Der Test muss wiederholt werden, nachdem man zwar nicht Adamantit, aber immerhin einen robusteren Plastikwerkstoff eingesetzt hat. Das Prüflabor ist ausgebucht.
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten!“
„Die Extrarunde war in der Planung nicht vorgesehen. Tests, die nicht bestanden werden, sind aus Kostengründen grundsätzlich nicht vorgesehen.“
„Ihr wisst aber doch seit drei Monaten, wann die Tests abgeschlossen sein müssen.“
Ein Wunder geschieht. Ein Kunde sagt ab, das Labor ruft an. Statt am Montag kann der Test schon am Donnerstag stattfinden, wunderbare vier Tage früher. Hektik, Überstunden, früh vor Tau und Tag auf der Autobahn. Alles läuft.
Freitag Morgen:
„Ehe wir am Montag den Umwelttest machen, müssen wir uns noch einmal abstimmen. Der Kunde überlegt, ob die Spezifikation so richtig ist. Die simulieren das übers Wochenende.“
„Der Test war gestern. Wir sind auf Knien um die Typen rumgerutscht, damit sie das vorziehen.“
„Aber der Kunde will die Spezifikation ändern. Wir erfahren am Montag, wie geprüft werden soll.“
„Schön, aber am Montag findet kein Test statt. Der war gestern.“
„Aber wir können doch nicht anders testen, als der Kunde das haben will!“
„Gut, dann versuche ich mal, eine Zeitmaschine zu buchen …“

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Aus dem Leben eines Experimentalphysikers

  1. Klaus schreibt:

    Ich hätte dann auch gerne die Kontaktdaten für die Zeitmaschine.

    Könnten direkt aus unserem Arbeitsleben stammen, die drei Akte …

  2. Klaus schreibt:

    Kommentar einer befreundeten Ingenieurin aus der Instandhaltung: „Woher weiß die Autorin wie es in der xxxx-Fabrik zugeht?“

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