MNE1: Das Karl-Marx-Stadt des Südens

Der Flughafen Podgorica hat die Kennung TGD. Normalerweise haben diese Kürzel wenigstens irgendeinen Bezug zum Namen. Aber TGD? Das erschloss sich erst, als ich las, dass die Stadt ehedem Titograd hieß. Heute ist sie die Hauptstadt Montenegros und heißt ungefähr „Unterm Berglein“.
Podgorica hat irgendwas zwischen 170.000 und 200.000 Einwohner – die Angaben schwanken. Ganz Montenegro kommt auf 650.000. Zum Vergleicht: Thüringen hat 2,2 Mio. Leute.
Wie Karl-Marx-Stadt hat Podgorica den zweiten Weltkrieg nicht gut überstanden. Danach wurde die Lichte Welt des Sozialismus aufgebaut: säuberliche Wohnblöcke, streng geometrisch aufgereiht. Aber es gab auch Parks mit Springbrunnen, Spielplätze mit allen EU-Verordnungen hohnsprechenden Klettergerüsten aus bunt gestrichenem Stahlrohr und Wippen, in denen man sich mit genügend Dummheit noch die Finger einklemmen konnte. Es gab den Platz der Republik mit einer patriotischen Säule darauf.
Die säuberlichen Wohnblöcke sind in die Jahre gekommen. Die Gehwegplatten sind zerbrochen und verworfen. Gras wächst dazwischen. Die Springbrunnen sind leere Becken aus Beton. Natürlich waren sie immer Becken aus Beton, aber früher gab es da die Magie des fliegenden, sprudelnden, plätschernden Wassers. Den Wippen fehlen die Sitze. Nur das regelwidrige Klettergerüst hat die Jahrzehnte unbeschadet überstanden. (In Jena müssen Spielplätze nach etwa 10 Jahren komplett erneuert werden, fällt mir da ein).
Während rings um den Platz der Republik die Trostlosigkeit Einzug gehalten hat, wächst am anderen Ufer der Morača eine neue Stadt aus Stahlbeton und viel Glas, ein glänzendes, kapitalistisches Podgorica, in dem auch wieder Springbrunnen springen. Wer wissen will, wie das aussieht, kann am Rosenhof in Karl … nein, in Chemnitz vorbeigehen.

(Auf eins der Fotos klicken, um die Gallerie zu öffnen.)

MNE ist das Länderkürzel für Montenegro, das hinten auf Autos steht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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