Leidkultur 3: Das Eiapopeia vom Himmel

Nudelmesse2
Die Leitkulturbroschüre, über die ich mich hier auslasse, stammt von der Thüringer Höcke-AfD. Wir reden vom deutschen Osten, der so speziell ist, dass amerikanische Wissenschaftler in einer Studie über den Zusammenhang von Religiosität und Kriminalität Deutschland noch Jahre nach der Vereinigung als zwei verschiedene Datensätze verarbeiteten. Für die AfD ist das Christentum Deutsche Leitkultur – es stellt 13 % der Leitkulturelemente.

Benedikt XVI. („Wir sind Papst“)
In Thüringen gibt es zwar eine nennenswerte katholische Minderheit (7.8 %) im Eichsfeld, aber die übergroße Mehrheit von 68 % sind mehr oder weniger überzeugte Heiden. Daneben gibt es 22.2 % evangelische Christen und eine Handvoll anderer Bekenntnisse. Nach meiner Erfahrung sind viele davon Zugewanderte aus den alten Bundesländern, wo man den alten Bräuchen noch stärker anhängt. Die Thüringer Leitkultur ist atheistisch, und die meisten Thüringer halten die Eichsfelder für ein bisschen seltsam und Männer in langen Kleidern für peinlich. Sie feiern Ostern mit Eiern und gutem Essen und Weihnachten mit Tannebaum und noch besserem Essen
Herr Ratzinger stand vor seiner Papstwerdung übrigens der Nachfolgerorganisation der Inquisition vor. Aus dieser Leitkultur würde ich gern auswandern, und zwar sehr weit. Ich bin ganz bestimmt nicht Papst, sowenig wie ich Deutschland bin, sondern Gelegenheits-Pastafari. Es fällt mir erheblich leichter, an Nudeln zu glauben als an einen allmächtigen Gott.

das evangelische Pfarrhaus
Nachdem ich etwa 20 Jahre lang in Jena-Lichtenhain gewohnt hatte, erklärte mir der Ortsteilbürgermeister meines Vertrauens: „Das Haus war früher mal das Pfarrhaus“ – gleich nach: „Hier unter der Straße liegt eine alte Zisterne. Lichtenhain hatte früher eine eigene Brauerei.“ Aha. Ob Jena ein Pfarrhaus hat – keine Ahnung. Das Dorf, aus dem ich stamme, hatte keins. Die nächste Stadt? Weiß Gott. Falls er sich darum kümmert.
Die meisten Thüringer haben nicht die Spur einer Beziehung zu irgendwelchen Pfarrhäusern. Feuerwehrhäuser sind etwas anderes. In den meisten Dörfern ist die Freiwillige Feuerwehr das Zentrum des kulturellen Lebens und beispielsweise für das Aufstellen des Maibaumes zuständig. Woher dieser Brauch kommt, weiß keiner so recht. Vermutlich ist der Baum kein Phallussymbol, aber für das Aufstellen sind ausschließlich Männer zuständig. Es wird heftig getrunken dabei, und je betrunkener, umso weniger will das Ding stehen (was vielleicht doch für das Phallussymbol spräche …). Von Lichtenhain wird berichtet, dass einer der Feuerwehrmänner beim anschließenden Maifeuer mit den Kameraden in Streit geriet, an Ort und Stelle austrat, die Uniform ablegte und in Unterhose nach Hause marschierte.
Ich schweife ab.

Martin Luther und die Reformation
Das Lutherjahr hat Jena, wo drei Viertel der Einwohner gottlose Ungläubige sind, 100.000 Euro gekostet, weil der Oberbürgermeister und gelernte Pfarrer meinte, einen Kirchentag üppig finanzieren zu müssen. Ich war die Einzige im Stadtrat, die die unglaubliche Summe zugunsten der Bedürftigen kürzen wollte.
Luther verdanken wir einen Feiertag, wenn auch einen, der gelegentlich aufs Wochenende fällt und immer in eine Jahreszeit, die eher trübsinnig daher kommt. Aber man soll nicht undankbar sein. Man kann Plätzchen backen. Luther verdanken wir auch eine reichseinheitliche Sprache. Andererseits hetzte der Luther gegen die Bauern, die das mit der Reformation zu ernst meinten und gegen die Obrigkeit aufmuckten.
Zumindest in Deutschland und Skandinavien pflegt man, wo die reformierte Kirche vorherrscht, ein eher entspanntes Verhältnis zum Glauben. Ich denke nicht, dass dies Luthers Absicht war, doch wer einmal zu zweifeln beginnt, der ist über kurz oder lang für den Glauben verloren. Anscheinend reicht es, an den ehernen Formen zu zweifeln.

die Schlosskirche Wittenberg
Wer sie gesehen hat, weiß, dass sie nicht wegen besonderer architektonischer Reize in der Liste gelandet ist, sondern weil der Dr. Luther da seine Thesen an die Tür genagelt haben soll. Also ein Doppel-Luther.

Was fehlt? Natürlich das alte Germanentum mit seinen zahllosen wunderlichen Göttern. Die Germanen wurden mit Gewalt christianisiert und müssen sich jetzt anhören, die übergestülpte Religion aus dem Nahen Osten wäre ihre Leitkultur. Man könnte darüber lachen, hätte die Kirche nicht alles kurz und klein geschlagen, wo sie hinkam. Nein, die germanischen Götter waren nicht die Verursacher des deutschen Faschismus. Ich finde, man sollte sie durchaus in der Schule behandeln, so wie die griechischen Götter behandelt werden, statt sie dem rechten äußeren Rand zu überlassen. Als Ansatz empfehle ich Gaiman oder Krappweis, beide des Völkischen ziemlich unverdächtig.
Auch fehlt Dr. Karl Marx, der meinte, Religion sei Opium für das Volk. Der hat in Jena, mitten in Thüringen, promoviert. Des Kontrastes wegen sollte er unbedingt erwähnt werden.
Und schließlich wäre da Nudeln-mit-roter-Soße, das ostdeutsche Universalgericht. Vor 40 Jahren habe ich gemeinsam mit meinen Mitschülern bei der Schulküche einen Petition eingereicht, man möge bitte mindestens einmal pro Woche Nudeln mit roter Soße kochen. Nudeln sind kooperativ. Sie passen zu allem. Sie machen satt. Sie sind nicht ungesund, wenn man es nicht übertreibt. Und wie das Fliegende Spagettimonster so schön sagt: „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht Multimillionendollar-Kirchen, Moscheen, Tempel, Schreine für Meine Nudlige Güte erbauen. Das Geld kann man nun wirklich sinnvoller anlegen. Sucht euch etwas aus:
– Armut zu beenden
– Krankheiten zu heilen
– in Frieden leben, mit Leidenschaft lieben und die Kosten von Kabelfernsehen senken. Mag ja sein, dass ich ein komplexes, allwissendes Kohlenhydratwesen bin, aber ich mag die einfachen Dinge im Leben. Ich muss es wissen, ich bin der Schöpfer.“
… und Feuerwehren natürlich.
Ramen.

PS:
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Das stammt von Leitkultur-Element Heinrich Heine, aus dem Wintermärchen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Leidkultur 3: Das Eiapopeia vom Himmel

  1. Ossiblock schreibt:

    Luther hetzte vor allem gegen die Juden. Die Bauern kamen glimpflicher davon.

    Zum Nachlesen: https://ossiblock.wordpress.com/2017/05/28/urnazi-luther/

    Beste Grüße aus dem ungläubigen Osten

  2. Ossiblock schreibt:

    Wir beide hatten das Thema schon mal berührt. Die Leidkultur.

    Als Denkanstoß: Warum gibt es in vielen Gegenden Orte, wo einer den anderen nicht verstehen kann? Sprachlich gesehen.

    Die Herausbildung einer deutschen Sprache verdanken wir nicht Luther, sondern eher dem Gutenberg. Erst mit dem Buch- und Zeitungsdruck wurde es möglich, Standards zu setzen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich bin gern bereit, Gutenberg in der Rubrik „Was fehlt“ einzuordnen. Zweifellos war der Buchdruck enorm wichtig für die Nationalsprache. Aber ohne deutsche Bibel hätte der Gutenberg nichts gehabt, was man massenhaft hätte drucken müssen. Die Lutherbibel ist übrigens in Jena akribisch lektoriert worden. Die Korrekturfahnen gibt es noch in der hiesigen Bibliothek.
      Dass die christliche Kirche (wozu Martin Luther zweifelsohne gehörte) geschäftsmäßig gegen Juden hetzte, haben wir hier auch schon abgehandelt, also habe ich zur Abwechslung mal die Bauern angeführt. Die Judenverfolgung ist gesamteuropäisches Kulturerbe, das man überall findet. Das macht es nicht besser, aber im Sinne von „allgemein üblich“ normal.

  3. Ossiblock schreibt:

    Ohne Buchdruck hätte ihn niemand außerhalb des mitteldeutschen Raumes lesen können.
    Es gab schon vor Luther die drei Sprachrichtungen: Oberdeutsch, Mitteldeutsch und Niederdeutsch.

    Sehr interessantes Buch dazu:

    [Werner Besch: Luther und die deutsche Sprache. 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung. Erich-Schmidt-Verlag, Berlin 2014 ,181 S., ISBN 978-3-503-15522-4, 29,80 Euro]
    —————————————————————-
    Zu Luthers Judenhaß:
    http://www.ursulahomann.de/MartinLutherUndDieJuden/komplett.html

    ——————————————————————-

    Ich kann dem Dilemma um Henne und Ei nicht viel abgewinnen. 😉
    Immer wenn es in diese Richtung geht, steige ich aus.

    Leidkulturvolle Grüße

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Egal, wohin ich komme, es ist in aller Regel eine Bibel, mit der die nationale Sprache verschriftlicht und/oder vereinheitlicht wurde. (in Europa natürlich.. In China ist das was ganz anderes …) Ich glaube, Bibelübersetzung und Buchdruck haben sich da aufs Schönste ergänzt. Mit lateinischen Bibeln hätte der Gutenberg wahrscheinlich kein großes Geschäft gemacht. Durch ihren obligatorischen Gebrauch hat die Bibel die Sprache jedenfalls stark beeinflusst. Ich erinnere mich, dass mir in meiner Kindheit regelmäßig „die Leviten gelesen wurden“ und ich mich immer gefragt habe, was für Bücher das wohl waren – und wer die Rotte Kora, wie die ich mich angeblich aufgeführt hatte …
      Allerdings scheint sich eine wirklich einheitliche Sprache erst durch Radio und Fernsehen zu verbreiten. Junge Leute sagen bei uns in der Gegend tatsächlich „an Weihnachten“ und halten das für die einzig richtige Variante.

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