Leidkultur 4: Kuriositätenkabinett

Bratwurst_grauDas Konstrukt der Deutschen Leitkultur ist normativ gedacht. Wer unsere kulturellen Werte nicht teilt, der gehört nicht hierher. Der soll bleiben, wo die Bananen wachsen. Unverhandelbare Grundwerte wie das Verbot der Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder Herkunft fehlen im Katalog allerdings. Oder die Koalitionsfreiheit, die nichts mit Regierungskoalitionen zu tun hat, aber das Recht auf freie Gewerkschaften, Parteien und Streik sichert. Stattdessen erfreut uns die AfD mit Gedöns, das die vage Gefühligkeit der Stammtischbrüder bedient. Der Stammtisch allerdings fehlt.

die D-Mark
Zwölf Jahre Faschismus sollen nicht prägend sein, wohl aber zwölf Jahre D-Mark? (Wir reden noch immer von Thüringen. Bis 1991 liefen hier Alu-Mark und Alu-Pfennig um). In den 52 Jahren meines Lebens habe ich drei verschiedene Währungen verwendet (den französischen Franc, mit dem ich über drei Monate meine Baguettes kaufte, lasse ich gnädig weg). Warum soll ausgerechnet die, die ich am kürzesten verwendet habe, für meine Kultur prägend sein? Kann man überhaupt ernsthaft annehmen, dass die Farbe der Geldscheine, mit denen man bezahlt, den Nationalcharakter prägt? Welchen Einfluss hat die D-Mark auf das Leben 2018 und welches charakterliche Defizit resultiert aus einem Mangel an D-Mark-Erfahrung? Für Leute, die um die Jahrtausendwende herum geboren wurden, ist die D-Mark ebenso Hörensagen wie ein Heller und ein Batzen, die beide mein, ja mein waren.

die Fußball-Bundesliga
Echt jetzt? In Jena tobt der Kulturkampf. Etwa 5.000 der 108.000 Einwohner gehen regelmäßig zu Fußballspielen. Es ist eine laute und für viele Leute nervige Minderheit, verbunden mit Vandalismus und Randale. Insgesamt gibt es Nationen, in denen der Fußball einen weit höheren Stellenwert hat. Auf den Färöern gibt es mehr organisierte Fußballspieler als männliche Einwohnerl (weil viele in mehreren Mannschaften spielen). In Jena ist der populärste Sport das Laufen. Zum jährlichen Firmenlauf rennen 3.000 Menschen aktiv durchs Paradies. Deshalb will man die Läufer aus dem Stadion werfen und für die Fußballfans bis zu 60 Mio. Euro in den Umbau investieren, damit sie ihrer Drittligamannschaft aus nächster Nähe zusehen und endlich problemlos ihre Bengalfeuer auf den Rasen werfen können.
Während die Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften in den letzten Jahrzehnten immer geeignet waren, nationale Besoffenheit zu erzeugen und von missliebigen Gesetzen abzulenken, hat der Nationalstolz 2018 erhebliche Dellen bekommen. Und dabei ist Deutschland im Wechsel mit China alle zwei oder drei Jahre Exportweltmeister – was keinen dazu bringt, hupend und fahnenschwenkend durch die Städte zu fahren.

Gemütlichkeit
Frage zehn Deutsche, und du bekommst zehn Antworten, was gemütlich ist. Es ist eine reine Wohlfühlvokabel ohne Inhalt. Für den einen ist nackt in der Hängematte liegen und einen Joint rauchen Gemütlichkeit, für die andere das akribisch geputzte und behäkelte Wohnzimmer, in dem man aus dem Guten Geschirr Kaffee trinkt.
Sind wir Deutschen gemütlich? Zum Beispiel im Umfeld von Fußball-Bundesligaspielen? Oder auf der Autobahn, wo bei 200 km/h auf zehn Meter an den Vordermann gefahren und gehupt wird? Ähem.

Grimms Märchen
Die grimmigen Märchen sind zweifellos ein gemeinsamer Vorrat von Charakteren, Stories und Redensarten, eine Referenz, auf die man nach Belieben zurückgreifen und sicher sein kann, dass alle Deutschen wissen, wovon die Rede ist. Allerdings betrifft das nur eine kleine Untermenge der Märchen, die die Grimms gesammelt haben – diejenigen, die es als Bilderbücher gibt. Im schlimmsten Fall kennt man sie aus der verharmlosten, entbrutalisierten, „kindgerechten“ Form oder gleich in der zuckersüßen, pastellfarbenen Disney-Version. Ehedem waren viele Märchen brutale Belehrungsgeschichten, die Kinder davon abhalten sollten, vom rechten Weg abzukommen, und für Grundschulkinder sind sie der falsche Lesestoff.
Mir ist bewusst, dass sich auf meinem Blog zahlreiche Vielleser und Kulturbewahrer tummeln, aber wie viele Deutsche kennen wohl das Märchen vom Gevatter Tod, vom Katerlieschen oder, schlimmer noch, vom Machandelbaum? Die deutsche Volksseele verdrängt da so einiges, was eigentlich wert ist, bewahrt zu werden.

Winnetou
Ein gefälschter Indianer, über den ein sächsischer Hochstapler, der nie im Wilden Westen war, rührselige Geschichten geschrieben hat, als deutsche Leitkultur. Der Mann behauptete, das alles selbst erlebt zu haben, heftete sich einen Doktortitel an und gab vor, mehrere Dutzend Sprachen fließend zu sprechen. Wenn man ehemals führende Politiker heranzieht, dann ist er wohl wirklich ein Vorbild, wenn auch ein schlechtes.
Und haben die das mal gelesen? Ich schon. Es war ein Reimport über Minsk, weil man Karl May in der DDR erst gar nicht und dann nur mit Glück, Beziehungen oder viel Hartnäckigkeit erwerben konnte. Vorsichtig ausgedrückt: Wenn das die deutsche Leitkultur ist, dann gute Nacht, lieb Vaterland. Dann doch lieber Lieselotte Welskopf-Heinrich oder Antje Babendererde. Aber die beiden Damen sagen der AfD vermutlich nichts.

Wurst (Thüringer Bratwurst, bayrische Weißwurst etc.)
Über den Wurst-Glaubenskrieg habe ich mich schon ausgelassen. Allerdings ist Wurst wirklich eine sehr deutsche, aber nicht ausschließlich deutsche Angelegenheit. In Frankreich und Spanien gibt es exzellente Würste, und die katalanische Butifara kann mit der thüringischen Bratwurst in der gleichen Liga spielen, wie auch der FC Barcelona keine Probleme hätte, in der Bundesliga mitzumischen – die dann vielleicht weniger langweilig wäre.

Was fehlt? Das Sammelsurium ist so beliebig, dass von Papst bis Eierkuchen praktisch alles fehlt. Nee, den Papst hatten wir ja schon. Aber ansonsten passt praktisch alles dazu: Filzpantoffeln, Gartenzwerge (die nebenbei bemerkt eine unendlich lange und ernste Traditionslinie haben, die leitkulturfähig wäre), Raachermanneln, Krautsalat, markierte Wanderwege, Weihnachtslieder, Topflappenhäkelwettbewerbe, Kirmesvereine, Stoppschilder, auf denen noch „STOP“ steht, die Unfähigkeit, richtig durch einen Kreisverkehr zu fahren, und der Grundsatz, dass verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt wurden, eine Vorliebe für falsch verstandene und ausgesprochene Worte und Namen aus fremden Sprachen. Und Mülltrennung, unbedingt auch Mülltrennung.
Diese Liste darf beliebig fortgesetzt werden. Ich bereite meinen Ausbürgerungsantrag vor.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Leidkultur 4: Kuriositätenkabinett

  1. Matcha schreibt:

    > Was fehlt?

    DJ Ludovicus Beatoven vielleicht?

  2. Matcha schreibt:

    > … den ein sächsischer Sträfling

    Hm, darf ein sächsischer Sträfling nichts mehr zur deutschen Kultur der Schriftsteller, in diesem Fall Abenteuerromane, beitragen? Er ist also auf Lebenszeit gebrandmarkt? Er hat seine Strafen abgesessen, somit seine Taten gesühnt, übrigens Straftaten, die heute als Bagatellen angesehen würden, insbesondere wenn ein Gericht in heutiger Zeit seine Herkunft und Lebensumstände zur Urteilsfindung heranziehen würde.

    Die Erwähnung der Worte „sächsischer Sträfling“ zeigt, dass Du selbst Ausgrenzungen vornimmst, die Du bei anderen monierst – wie hier in Deiner Leitkulturdiskussion. Ziemlich dünnes Eis, auf dem Du zu Stehen gedenkst.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich habe den mal korrigiert, weil ich eigentlich etwas anderes meinte, nämlich die dreiste Frechheit, mit der einer Expertentum vorgaukelte, ohne auch nur die Chance zu haben, es zu erwerben. Dass ich ihn für leitkultur-untauglich halte – was ich auch so geschrieben habe – liegt an der literarischen Qualität, an der religiösen Gefühlsduselei und der Verlogenheit seiner angeblichen Indianer, die mit Indianern nicht viel zu tun haben. Winnetou ist etwa so authentisch wie das, was einem Bayern, die nie einen Schritt über die ehemalige Grenze gesetzt haben, über das Leben in der DDR erzählen.

      • Matcha schreibt:

        Kein Problem mit der Korrektur, ich dachte mir, dass Du Dich da ein wenig im Llano Estacado der Leitkultur verritten hast.

        Abenteuerromane, darin beschriebene Personen, Gegenden und Geschichten, müssen nicht authentisch sein und können doch zur Kultur eines Landes gehören, ebenso der Autor.

        Cooper und Lederstrumpf – den „edlen Wilden“ im Roman, sprich Chingachgook, hat es auch nicht gegeben. Vielleicht gab es ein Vorbild für die Romanfigur, mag sein. Trotzdem gehört Cooper zur Kultur der USA, sie würden nicht darauf verzichten und so verhält es sich, was Karl May und seine Romane angeht.

        Das lässt sich beliebig erweitern, kein Science Fiction Roman beruht auf Realität.

        Der Schimmelreiter von Theodor Storm ist ebenso fiktiv und hat eine Sage als Hintergrund. Othello von Shakespeare, Hamlet auch, sind weder authentisch noch präzise, was Personen und die beschriebene Kultur angeht und doch würden die Briten wohl kaum auf die Idee kommen, deshalb den kulturellen Aspekt dieser Literatur oder gar den Autor in Frage zu stellen.

        Thomas Mann hat in den Buddenbrooks die Realität für seine dichterische Freiheit benutzt, also Geschichte und Personen der Stadt Lübeck, dazu seine Familie, um das Leben der Familie Buddenbrook als Roman aufzubauen – manche erkannten sich in dem Roman wieder und reagierten empört. Es gibt viele Wege der dichterischen Freiheit, die letztlich Teil der Kultur eines Landes werden kann.

  3. frank111 schreibt:

    Wie du dir denken kannst, hab ich so meine Schwierigkeiten mit dieser Leidkultur-Serie. Nicht in jedem Detail, aber so überhaupt. Warum eigentlich Leid? Kultur kann viel Spaß machen, man kann eine Menge lernen über Geschichte, Gebräuche, das Leben, die Menschen und sich selbst. Dass man aus Kultur glaubte eine Leitkultur machen zu müssen, liegt ja nicht an den Kuriositäten derselben, sondern an den guten oder weniger segensreichen Einflüssen anderer Kulturen oder Unkulturen, was die entsprechende Diskussion zur Folge hatte. Eine Leitkultur ist ja auch keineswegs verpflichtend, jeder kann nach seinem Gusto leben und muss sich keineswegs daran interessieren. Wichtiger scheint eher die Frage oder Selbstvergewisserung zu sein, was Kultur hierzulande ausmacht, was erhaltenswert, wertvoll, erhebend, befruchtend oder was auch immer genug ist, um es nicht einfach so der nivellierenden Buntheitssuppe zu überlassen. Bunt ist überhaupt gar keine Farbe.
    Es wäre auch spannend gewesen, jenseits der AfD über das Thema zu schreiben oder nachzudenken, aber so gerät das Ganze in das übliche, sattsam bekannte antideutsche Fahrwasser und an vielen Stellen klingt das dann so, als würdest du gern den Deutschen ihre Kultur klein- oder ausreden. Natürlich kann man sich herrlich über so manches Detail amüsieren oder streiten, aber Kultur ist als Ganzes mehr als die Summe der Teile. Selbst Wikipedia, fern jeden Verdachts des Nationalismus, definiert Kultur als „ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten von Menschen leiten“. Ob da nun Karl May oder Bratwurst dazu gehört oder nicht, ist doch nebensächlich. Aber jeder Depp kriegt mit, ob er sich unter Franzosen, Schotten oder Russen aufhält und welche Kultur und Lebensart deren Länder geprägt hat.

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