Religiöses Tauziehen

In Großbritannien wird Englisch gesprochen. Glaubt man als gemeiner Tourist und hatte damit bislang recht.
Es sei denn, man befindet sich auf Uist, das sich vielleicht auch Uibhist schreibt, mit irgendwelchen unverständlichen Vorsilben. Am Fährhafen hängt eine Fahne, die aussieht wie eine norwegische, die man versehentlich falsch eingefärbt hat: grün mit einem blau-weißen Kreuz darin. Man ist hier etwas Eigenes. Uibhist hat rund 5000 Einwohner, doch das ist kein Grund, nicht auf die eigene Eigenständigkeit zu pochen. Man ist aber auch Schotte. An jedem dritten Straßenschild klebt hinten eine blaue Fahne mit weißem Andreaskreuz, da und dort findet man noch immer Aufkleber, die wahlweise „YES“ oder „AYE“ verkünden, natürlich weiß auf blau.

Streetsign

Alle Wege führen nach Loch nam Madadh. Das ist das Loch, wo der Hund begraben liegt. Wörtlich.

Eine Herausforderung sind die Straßenschilder. Vor fünf Jahren entdeckte ich auf Kintyre erstmals zweisprachige. Inzwischen sind die Highlands durchgängig mit Englisch in Schwarz und Gälisch in Grün beschildert. Auch auf Uist sind die meisten Schilder zweisprachig: groß in Gälisch und klein darunter in Englisch – falls man Glück hat. Mitunter verzichtet man auf den Untertitel. Landkarten und Navi kennen natürlich nur Englisch. Hier ist Phantasie gefragt. Zum Glück kann man nur langsam fahren, hat also Zeit zum Nachdenken.
Natürlich sprechen die meisten Uibhister auch Englisch, aber wie sie es tun, ist eine stete Rache für die Eroberung durch die Engländer. Wenn man Glück hat, versteht man, wovon die Rede ist.

Teampull1

Geht es hier zum Sportplatz?

Carinish oder auch Cairinis auf Uibhist a Tuath hat eine Sehenswürdigkeit: einen rund 1000 Jahre alten Teampull. Bei mir stellt sich da das Bild von stämmigen Schotten in Kilts ein, die heftig an einem Strick ziehen, McDonalds gegen McLeods, denn so heißt hier jeder zweite. Aber halt, das heißt Thug o’War. Und der Teampull heißt in der Übersetzung Temple und meint ein uraltes Kloster. Also keine nackten Männerbeine, sondern Mönche in langen Kutten.

Teampull2

Und so sieht das Ding aus, von dem das gälische Wörterbuch behauptet, es sollte Teampall heißen …

Das Gälische ist zum größten Teil so unverständlich wie Albanisch, obwohl es theoretisch zur gleichen Sprachfamilie gehört wie Deutsch, Englisch oder Französisch. Ich habe gelernt, dass „cladach“, das sich in der englischen Umschrift beharrlich „claddach“ schreibt – als würde durch das zusätzliche d irgendetwas verständlicher – keine gefährliche schottische Waffe ist, sondern ein harmloser Strand.
Und morgen finde ich heraus, was „machair“ eigentlich ist. Bisher weiß ich nur, dass es sehr nass ist und Socken tiefdunkelbrauch färbt …

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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7 Antworten zu Religiöses Tauziehen

  1. Evelyn schreibt:

    Liebe Heidrun, nun wollte doch die mit mir befreundete und über diesen Beitrag instruierte, u.a. Gälisch übersetzende Gabriele Haefs einen Kommentar schreiben, was wegen ihrer Mail-Adresse abgelehnt wurde. Sie schreibt mir:
    Das verstehe, wer will …. das war der Kommentar:

    machair heißt Feld, ganz einfach. Aber wieso es auf Gälisch kein eigenes Wort für Tauziehen gibt, kann ich auch nicht erklären (da fragt frau sich doch, wieso sie überhaupt keltische Sprachen studiert hat, wenn nicht mal so grundlegende Dinge erklärt werden …)

    (schicke ich auch mit, weil ich es so spannend finde und Du sicher auch, Evelyn …) wobei ich dachte, Albanisch gehört doch auch dazu, sind alles indogermanische Sprachen, also recht eng verwandt, aber das Albanische ist ein eigener Zweig innerhalb der Gruppe, Wobei es zu bedenken gilt, daß Schottland auf Gälisch „Alba“ heißt, aber da sich nicht nachweisen läßt, woher in beiden Fällen diese Landesnamen kommen, ist es auch unmöglich, einen Zusammenhang zu belegen (ist aber sehr verlockend! es gibt Forscher, die auch die Alpen dazunehmen, alles irgendwas mit hochgelegenen Landschaften. )

    • frank111 schreibt:

      Meiner bescheidenen Meinung nach hat das Alba eher etwas mit der Farbe weiß zu tun. Siehe auch Albion für England mit den Kreideküsten im Süden. Alba für Schottland ebenso. Die Alpen sind das weithin weiß leuchtende Gebirge. Albinos gehören auch da hinein. Was an Albanien so weiß ist, weiß ich nicht, war selbst noch nicht dort. Es gibt eine indoeuropäische Wurzel albh*, die weiß bedeutet. Lateinisch albus ist auch weiß. Die Elbe ist auch das – früher mal – weiße Wasser. Vielleicht weil das Wasser in der Sonne so schön leuchtet, heißt im Nordischen jeder Fluß älv oder elv.

      • Evelyn schreibt:

        von Gabriele: „Das mit elv/älv ist natürlich auch hochinteressant, aber ich sag ja auch nur, daß sich das alles nicht belegen läßt, daher kann man wunderbar spekulieren. Es ist ja auch umstritten, woher der Begriff Albion kommt. Aber das Spekulieren macht natürlich großen Spaß. Die Verwandtschaft Alba-Albanien-Alpen (dazu kommen auch noch die Pennines, die Apeninnen und die Ardennen) wird in der Sprachwissenschaft weiterhin durchaus ernstgenommen und erforscht!“

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wonach WordPress Adressen ablehnt, weiß ich nicht. Aber zur Not kann man auch eine fiktive verwenden, glaube ich.
      Alba und Albanien – hm, das klingt jetzt wirklich, als sollte es nebeneinander liegen. Es erinnert mich allerdings an eine Freitags-Debatte auf leo,org, wo man anregte, die Geografie endlich einmal aufzuräumen. Bangor gehöre offenbar nach Indien, und St. Peter Ording nach Bayern …

  2. frank111 schreibt:

    Gälisch gehört zur keltischen Sprachfamilie und ist damit zwar indoeuropäisch, aber nicht wirklich mit Deutsch, Französisch oder Englisch vergleichbar.
    Man könnte auch der Meinung sein, dass jemand, der so eine schwierige und unverständliche Sprache wie Deutsch spricht 😉 sich nicht über angeblich komische Sprachen mokieren sollte. Ein Ausländer steht bspw. vor dem Wort STRUMPF mit 6 Konsonanten und nur einem Vokal genauso ratlos da was Aussprache und Verständnis betrifft wie du vor den schottischen Straßenschildern. 😀

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Bloß weil man selbst eine völlig irre Sprache spricht, muss man doch andere nicht bierernst nehmen. Ich bin fasziniert. Ich frage mich, wie sich Gälisch mit dem auf den Inseln stark verbreiteten Whiskykonsum verträgt. Oder wie man die Farbe des Grases und des Himmels gleichermaßen mit „gorm“ bezeichnen kann. Oder wie aus Mairi im Vokativ eine Mhari werden kann, die sich dann mutmaßlich Vari spricht … Was die Engländer an Grammatik verschlampert haben, ist offenbar auf den Hebriden an Land gespült worden.
      Aber wie das Beispiel „Teampull“ zeigt, sollte man bei Ähnlichkeiten mehr als ein bisschen vorsichtig sein. Im Gälischen heißt Weiß Geal, wie ich herausgefunden habe, und das klingt kein bisschen nach Alba. Es ist auch nicht übermäßig weiß hier, eher graugrün, und dafür habe ich das schöne Wort „Glas“ gefunden, das nun wieder an ganz was anderes erinnert.

      • frank111 schreibt:

        Ja, Sprache ist tatsächlich faszinierend und irgendwann landet man bei so abstrusen Themen wie Ursprache. Die Sprachfamilien sind letztendlich auch nur eine nette Idee von Linguisten aus dem 19. Jh.
        Ich glaube, „glas“ bedeutet im Walisischen wie auch gleichermaßen in einer südamerikanischen Indiosprache „blau“, was mich mal zur Spekulation veranlasst hat, dass die in Märchen verbreiteten Glaspaläste zu Zeiten, in denen man gar kein Glas kannte, vielleicht Himmelsschlösser waren.
        ‚Geal‘ ist interessant. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass es nicht nur weiß, sondern auch rein, sauber, leer, makellos bedeutet. Und daher eher ursprünglich ein Synonym für weiß ist/war. Um im Indoeuropäischen zu bleiben, könnte man dann eine Parallele zu ahd. glat ‘glänzend, hell, klar’ (8. Jh.), mhd. g(e)lat ‘glänzend, eben, schlüpfrig’ ziehen, wobei wir da immer noch das merkwürdige t am Ende haben. Das Ganze führt dann zur indoeuropäischen Wurzel g̑hel(ə)- ‘glänzen, schimmern’, wozu auch Glanz, Gold, Gelb usw. gehört. Aber das ist jetzt alles voll ins Glas spekuliert. 😉

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