Machair

Vom Strand aus, behauptete die Loseblattsammlung mit lokalen Sehenswürdigkeiten, führe ein Fußpfad quer durch das machair zurück zum Campingplatz. Super, sagten meine Füße, da wollen wir hin. Der Strand war unglaublich – weiß, endlos und mit einem doppelt so großen Himmel oben drüber. (Das geht, wie jeder weiß, der zu viel Mathematik abgekommen hat. Im Gegensatz zum zweidimensionalen Strand hat der Himmel drei Dimensionen – und ist nach oben offen.) Es war Wetter. Das Einzige, was nicht war, war ein Fußpfad.
Also lief ich auf dem schmalen Streifen zwischen Schafweide und Loch in die ungefähre Richtung. Ich löste mittlere Paniken bei den Graugänsen im Loch und den Schafen außerhalb der Koppel aus. Letztere hatten vermutlich ein schlechtes Gewissen und befürchteten, gehütet zu werden. Die Gegend war ausgesprochen wenig vertrauenswürdig. Bei jedem Schritt gab der Boden nach, und bei jedem zehnten stand man in brauner Brühe, die die Socken feucht hielt, wenn sie Gefahr liefen, auszutrocknen. Im hohen Gras verbargen sich wadentiefe Wasserlöcher verschiedenster Größe. Uibhist a Tuath ist sich nicht sicher, ob es Festland ist oder doch eher Wasser.
„Machair“ hatte sich entfernt wie Maquis angehört, ein trockenes Gestrüpp in Südfrankreich. Ich hatte an Heidekraut gedacht. Und dann war’s Sumpf.
Tags darauf lernte ich dank der Royal Society for the Protection of Birds, was machair eigentlich ist: Machair. Wie der Karst in Slowenien hat es das gälische Wort in die Fachsprache geschafft. Tatsächlich ist machair der einzige Boden in der Gegemd, der nicht wie ein Tafelschwamm ist (von Felsen mal abgesehen). Es ist eine Mischung aus dem üblichen Torf und dem muschelkalkhaltigen Sand, der als Düne aufs Land hochwandert. Das Ergebnis ist trocken, stabil und fruchtbar. Dem Kalktrockenrasen um Jena ist es nicht unähnlich, obwohl das mit den Muscheln bei uns schon eine Weile her ist. Wo die RSPB etwas zu sagen hat, lässt man die Felder streifenweise gelegentlich brach fallen, und es bilden sich Blumenwiesen. Die wiederum sind Nahrungsgrundlage für die Große Gelbe Hummel, die hier lebt.
Auf dem Machair, hieß es, würden Hafer und Gerste angebaut. Ein bisschen verblüfft hat mich allerdings, dass sie das auf ein und demselben Feld und durcheinander tun. Bestimmt gibt es dafür ein gälisches Wort.

(Eins der Bilder anklicken, um die Galerie zu öffnen …)

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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