Mein Leben als schwarzes Schaf

CU_schwarzesSchafZur Stadtratswahl sind die Jenaer Piraten mit dem Versprechen angetreten, für mehr Transparenz zu sorgen. Das war mir ein Bedürfnis, denn davor hatte ich als Rädelsführer einer Bürgerinitiative reichlich Erfahrung mit der Desinformationspolitik der Stadtverwaltung gemacht. Es war nicht lustig.
Seit ich im Rat sitze, blogge ich über alles, was da passiert, bei nichtöffentlichen Sitzungen immer den schmalen Grat zwischen harmlos und strafbewehrt entlang. In regelmäßigen Abständen war ich damit Thema im Hauptausschuss, weil die Koalitionäre von CDU, SPD und Grünen mir das gern verboten hätten. Aber offenbar habe ich die Grenzen des Bloggbaren immer richtig eingeschätzt. Hätten sie eine rechtliche Handhabe gefunden, dann hätten sie die Messer gewetzt.
In der letzten Woche habe ich für zu viel Transparenz eine förmliche Rüge der Vorsitzenden des Stadtentwicklungsausschusses kassiert – im Auftrag der Verwaltung. Die Dame hat mich auch schon gerüffelt, weil ich auf meiner Tastatur zu laut getippt habe in der Sitzung – für so etwas kann man allen Ernstes Ordnungsrufe bekommen. Mein Vergehen war, dass ich über die Ablösung einer Stellplatzverpflichtung berichtet hatte. Das Land baut in der Stadt einen neuen Unicampus, denkt aber nicht daran, die von einer Landesbehörde ermittelten notwendigen 300 Parkplätze zu schaffen. Stattdessen zahlt es pro Platz 8.000 €. Das ist sehr preiswert, jedenfalls für das Land. Stadt und Land sind öffentliche Körperschaften und entsprechend auskunftspflichtig – für Geheimhaltung gibt es also keinen Grund. Zudem hatten die Innenstadthändler gerade vehement Stellplätze gefordert. Die Stadtverwaltung will unbedingt den Innenstadthandel stärken – aber nicht mit Stellplätzen.
Presse und Rundfunk stürzten sich begeistert auf meine Informationen, und der Volkszorn brodelte. Das führte zur Rüge, die wiederum dazu führte, dass die Presse begeistert über die Rüge und meinen sorglosen Umgang damit berichtete. Auch der Lokalfunk lud mich ein und gab mir Gelegenheit, noch einmal über die Vernichtung von 550 Stellplätzen in der Innenstadt zu sprechen. Die Dame von der CDU hat dafür gesorgt, dass auch der letzte in der Stadt das Problem kennt und die Presse mich mehr denn je mag. Der Offene Kanal hat mir sogar die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm angeboten.
Als unser jetziger Oberbürgermeister noch ein einfacher FDP-Stadtrat in der Opposition war, hat er übrigens selbst öffentliche Anfragen zur Stellplatzablöse im Stadtrat gestellt – und den alten OB damit genervt. Ja, das war gestern.
Einen zweiten kriminellen Sachverhalt gab es obendrein: Ich hatte über eine nichtöffentliche Vergabeentscheidung berichtet, allerdings nicht über Bieter und Preise, sondern darüber, dass ein Teich entschlammt werden muss und zwar zum ersten Mal seit 75 Jahren. Wahrscheinlich habe ich die schutzwürdigen Interessen der Bäume verletzt, die jetzt öffentlich als Schmutzfinken gebrandmarkt sind, die Blätter in Teiche werfen. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen.
Ansonsten aber verstehe ich jetzt, was ich zu Schulzeiten nicht begriffen habe: In die Ecke gestellt zu werden, ist gar nicht schlimm und kein Grund zur Scham. Eigentlich ist es sogar ziemlich cool, solange es die richtige Ecke ist.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Mein Leben als schwarzes Schaf

  1. Jenenserin schreibt:

    Ich bin auch ein schwarzes Schaf, manchmal auch ein buntes, dann zeigt man mit den Finger auf mich, dass ich doch ein Klassenkasper wäre. Na und, dann hinterlässt man immerhin seine Meinung und irgendwann erkennt die weiße Masse, das man Jahre voraus denkt und handelt und manchmal trottet dann ein Teil oder die ganze Herde einem hinter her.

  2. Max Headroom schreibt:

    Es gibt sicher Schlimmeres, als eine Rüge für eine gute Tat.
    Zu diesem Thema haben sich schon viele bekannte Leute kluge Gedanken gemacht.
    Da kann ich einfach mal loszitieren:

    „Offenheit verdient immer Anerkennung.“
    Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck (1815 – 1898)
    preußisch-deutscher Staatsmann und 1. Reichskanzler
    Quelle: Bismarck, Reden. In der zweiten Kammer des preußischen Landtags, am 24. November 1849

    “Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie.”
    Günter Wallraff
    (Vielleicht fehlt ja deswegen bei den Versammlungen immer die Luft zum Atmen.)

    “Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel,
    kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht,
    beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich, und früher oder später
    wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen.
    Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht – aber es ist das einzige Mittel,
    ohne das alle anderen versagen.”
    Joseph Pulitzer

    “Was offenbart Zensur? Sie offenbart Angst!”
    Julian Assange

    Und ganz speziell für die rügende Frau Wackernagel und die Verwaltung noch den hier:
    “Die das Nest schmutzig machen, zeigen empört auf einen,
    der ihren Schmutz bemerkt und nennen ihn den Nestbeschmutzer.”
    Max Frisch

    In diesem Sinne verabschiede ich mich noch mit einem Spruch von Hannes Jaenicke:
    „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche.“

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