Möhrenbrei und Bratkultur

„Warum schreibst du in letzter Zeit so wenig?“, fragt mich Schriftstellerkollege Siegfried Nucke, und mich überfällt die Erkenntnis, dass ich in letzter Zeit die falschen Prioritäten gesetzt haben könnte. Es gibt Dinge, die sind nicht gesund. Oder wie die Briten sagen: „All work and no play makes John a dull kid.“
Deshalb versuche ich wenigstens einmal im Jahr mit den Kollegen Dichtern zusammen zu kommen. In der Adventszeit verschenken die Verbandsschriftsteller ihre Geschichten. Meist schwärmen sie aus in Altenheime, Häuser für Jugendliche mit Problemen, aber auch in Bibliotheken und Cafés – wie es gerade kommt. In diesem Jahr wollten sie es anders anfangen und besetzten am Sonnabend Nachmittag das Erfurter Haus Dacheröden für eine Mammutlesung in mindestens vier verschiedenen Räumen und mit 19 Autoren. Die Einnahmen sollten dem Erfurter Restaurant des Herzens, also der Suppenküche der Stadtmission, zugute kommen. Als ich den Eintrittpreis von 12 € sah, kamen mir Zweifel.
Erfurts Straßen wimmelten von Menschen. Zu Hause in seinen vier Wänden war offenbar keiner mehr. Und im Haus Dacheröden auch nicht. Bis auf die Dichter. Wir standen nutzlos herum, bis wir beschlossen, uns im Raum für Kinder zusammenzurotten, wo es wenigstens warm war. Anne Gallinat stellte uns ihre Marionetten vor und las ein Stück Geschichte vom Teufelchen, das wegen Bravheit aus der Hölle geworfen wurde. Danach lässt sie normalerweise die Kinder die Puppen ausprobieren, aber wir hockten brav und schüchtern auf unseren Stühlchen. Uns würde man auch aus der Hölle werfen. Immerhin, wir riefen: „Möhrenbrei, Möhrenbrei, ich will endlich Möhrenbrei!“ – im sicheren Vertrauen darauf, dass Anne keinen dabei hatte. Schließlich tauchte ein Kind auf und musterte uns misstrauisch. Später simulierten wir bei den Kollegen erfolgreich Publikum, damit sich die einzige zahlende Gästin nicht so einsam fühlte.
Hinterher waren wir uns einig, dass die Wahrscheinlichkeit, 50 Leute in einer Lesung zu haben, auf dem Dorf größer ist als in der Landeshauptstadt, und dass es besser gewesen wäre, keinen Eintritt zu nehmen und nach der Lesung mit dem Hut rumzugehen. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Vielleicht sollte man gleich mit dem Hinterher anfangen und das Vorneweg einfach weglassen.
Außerdem gab es im Hinterher Duett vom Federvieh mit Klößen und Wirsing und eine – wir sind hier in Thüringen – Debatte über Bratwürste. Die werden natürlich nicht auf einem Grill gegrillt, sondern auf dem Rost gebraten. Deshalb heißen sie Rostbratwürste und nicht Grillgrillwürste. Die in Thüringen nicht existente Grillparty heißt schlicht: „Wir braten am Wochenende.“
Grillen, sinnierten die Autorenkollegen, kann man auch – aber definitiv keine Würste.
„Und keine Brätel“, warf ich ein.
„Nö, die hießen sonst ja Grillen“, meinte Sieglinde Mörtel.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Möhrenbrei und Bratkultur

  1. Evelyn schreibt:

    Eine schöne UND lobenswerte Idee. Ich denke auch, dass der Preis schreckte. Und ohne diesen wären zudem vielleicht auch Suppenküchen-NutzerInnen zum Zuhören gekommen.

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