Das Kantholz der Wahrheit

Gewalt gegen Menschen ist scheiße. Für alle, die ob der Wortwahl tadelnd dreinschauen: Alles andere wäre ein Euphemismus. Ich weiß, wovon ich rede, seit mich ein blonder, sächsisch sprechender junger Mann in Chemnitz mit einem Springmesser angegriffen hat. Ich habe also tief durchgeatmet und gesagt: Ja, auch Gewalt gegen AfD-Politiker ist scheiße.
Andererseits … Der AfD war schon kurz nach der Attacke klar, dass die Täter „Linksfaschisten“ und das Ganze ein Mordanschlag war – befördert von der Hetze durch Linke, SPD und Grüne, mit einem Kantholz und Tritten gegen den Kopf und nur verhindert, weil ein netter Bauarbeiter eingeschritten ist.
magnitz2Zu dieser Zeit twitterte die Bremer Polizei noch, dass man keinerlei Erkenntnisse zum Tathergang habe. Inzwischen ist das Überwachungsvideo vom Tatort öffentlich, und es gab ein Bekennerschreiben auf Indymedia. Man weiß seither, dass es weder ein Kantholz noch Tritte oder einen Bauarbeiter gab. Ein Schlag gegen den Kopf ist immer noch Gewalt und kann ernste Folgen haben. Also scheiße. Aber kein Mordanschlag. Wenn ich (und man beachte hier den Konjunktiv) jemanden ermorden wollte, dann würde ich wenigstens nachschauen, ob es funktioniert hat. Es gab keinen störenden Bauarbeiter, der das verhindert hätte – und ein Kantholz gab es auch nicht. Es sieht sehr nach einem Ellbogen aus. Damit können nur wenige morden. Also wenn ich denn wollte, würde ich mir eine bessere Waffe suchen.
Bleibt der Bekennerbrief. Das ist offensichtlich das Einzige, was die Legende vom Mordanschlag durch Linksfaschisten noch stützt. Wie meine Großmutter schon sagte: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Es ist mindestens ebenso wahrscheinlich, dass den Bekennerbrief eine Partei geschrieben hat, die keine Hemmung hatte, Kanthölzer, Tritte und Bauarbeiter zu erfinden. Außerdem – wenn ich einen politischen Anschlag verübte (man beachte den Konjunktiv), dann würde ich der Überwachungskamera zeigen, wer hier zugeschlagen hat. Eine Rotfront-Faust wäre das Mindeste. Dem ganzen Vorgang fehlt das Theatralische, das politischen Anschlägen eigen ist. Zuschlagen und Weglaufen ist typische Straßenkriminalität. Warum den Bekennerbrief nicht an Ort und Stelle zurücklassen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen? Und ganz ehrlich, wie revolutionär klingt denn „Bremer Frühling“? Das klingt wie Jahrmarkt mit Multi-Kulti-Kulturprogramm, wie hellgrüne Blümchentapete, aber nicht wie Rote Armee Fraktion oder Antifaschistische Aktion. Ich schließe nicht aus, dass die drei Angreifer sich selbst links einordnen. Vollpfosten gibt es auch unter Linken. Aber einen Beweis für wasauchimmer gibt es nicht, egal was die AfD zusammenphantasiert.
Tja, und dann musste ich feststellen, dass das Opfer des Angriffs ein empathieloser Widerling ist, der Gewalt gegen politische Gegner ausgesprochen witzig findet und gutheißt. Ein Mann, dem ich mit Vergnügen vor die Füße spucken werde, sollte ich die Gelegenheit dazu bekommen (kein Konjunktiv in Teil 1).
magnitz1
Fakt ist, dass die AfD seit Jahren Gewalt gegen Menschen propagiert. Schüsse auf Kinder? Unbedingt! Wie Pinochet politische Gegner aus Hubschraubern werfen? Gute Idee! Merkel-Galgen auf Demos? Tja, das muss man besorgten Bürgern schon zugestehen. Hitlergruß und Hitlersprechchor? Da ist der Höcke ganz vorn mit dabei, kein Thema. Es wird auch gern mal davon phantasiert, das „linksgrün versiffte Schmarotzerpack“ an die Wand zu stellen oder, falls es um Frauen geht, zu vergewaltigen. Übrigens eine Bezeichnung, die ich mir auch schon anhören musste. Bei Angriffen gegen Flüchtlingsheime steht die AfD immer auf der Seite der besorgten Bürger. Die Botschaft der AfD ist klar: Gewalt geht voll in Ordnung, wenn es nur die richtigen trifft. Das Netz ist voll von Sprüchen der Art: „Wartet, bis wir an der Macht sind, dann wird mit euch aufgeräumt.“ Es ist das zweifelhafte Verdienst der AfD, dass die Leute Gewalt für ein akzeptables Mittel politischer Auseinandersetzung halten.
Mein Karatelehrer pflegt zu sagen: „Wer austeilen will, muss auch einstecken können.“ Dem – blond und mit sächsischen Tonfall – verdanke ich, dass ich den Messerangriff unverletzt überstanden habe.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Das Kantholz der Wahrheit

  1. Karsten Seel schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag!

  2. Pingback: Anschlag auf AfD-Abgeordneten - Die Welt und ich

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