Winterdienst

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Die Straße, in der ich wohne, hat mehr als ein bisschen Gefälle. Wenn es schneit, kommt man sie nicht mehr hoch – weder mit dem Auto noch zu Fuß -, jedenfalls wenn es nasser Schneematsch ist. Es ist meistens nasser Schneematsch. Deshalb haben sich sieben von acht Anwohnern zusammen getan und einen privaten Winterdienst angeheuert. Der achte freut sich, dass man ihm die Straße räumt. Der ist so.
Das einzige Problem: Es schneit, und der Winterdienst wartet ab, ob es nicht doch von allein wegtaut. Es ist Sonnabend vormittag halb 10. Ich greife zum Schneeschieber und arbeite zwei reichlich reifenbreite Spuren frei. Als ich mit der zweiten fast wieder oben bin, heult hinter mir ein Motor. Der Winterdienst kommt, und dank meiner Vorarbeit kommt er auch problemlos hoch – bis ich beiseite trete und er an mir vorbei zieht. Als er versucht, rückwärts auf den Parkplatz zu fahren, kommt er ins Schlittern und rutscht beinahe in den Carport der Nachbarn.
Die Winterdienstler steigen aus. „So enne Scheiße, warum isn das so gladd hier?“, schimpft der eine. Ich denke: „Weil der Winterdienst seine Arbeit nicht macht“, und beobachte das Ganze. Sie fluchen ein bisschen über die Bordsteinkante, die sie als Wurzel allen Übels ausgemacht haben. Dagegentreten hilft allerdings nicht – sie ist stabil. Dann schaffen sie es, ihr Fahrzeug rückwärts auf den Parkplatz zu manövrieren.
Sie steigen aus und werfen etwa vier Schäufelchen Salz in die Einfahrt, vermutlich, um gefahrlos davonfahren zu können. Dann steigen sie wieder ein, fahren den Räumschild hoch und schalten die Sprühvorrichtung ein. So fahren sie die Straßen hinunter und davon.
Das Ganze hat keine fünf Minuten gedauert, und davon entfiel mindestens die Hälfte auf den Versuch, das eigene Fahrzeug in den Griff zu kriegen. Das macht dann 69 € pro „Einsatz“. Der Schnee liegt größtenteils noch, aber es regnet bereits.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Winterdienst

  1. Evelyn schreibt:

    Liebe Heidrun! Nennt sich so etwas nicht Realsatire? Gebe ich jedenfalls so weiter …

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