Britannica

Weissling_gK

Die Schmetterlingin des Anstoßes: Frau Britannica

Blinde Hühner finden bekanntlich auch Körner, allerdings nur, wenn sie beharrlich picken. Wenn sie faul im Nest sitzen und der Körner harren, die da kommen sollen, ist die Wahrscheinlichkeit eher gering. Das mit den blinden Hühnern ist die Grundlage von Citizen Science, was ich als Mitmach-Wissenschaft bezeichnen würde. Man stattet eine große Zahl enthusiastischer Amateure mit einem soliden Halbwissen aus und schaut, welche Daten sie zusammentragen. Die Spezialisten prüfen die Plausibilität und werten aus. Die jährliche Vogelzählung des NABU ist ein Paradebeispiel. (Als ich da erstmals 15 Stockenten meldete, prüften die tatsächlich, ob es im Park an der Saale Enten geben könnte – es kann also nicht jeder alles melden, was er lustig ist.) Von diesen Projekten gibt es eine Menge: deutschlandweit die Meldung der Apfelbaumblüte im eigenen Garten, Handyfotos von Lichtverschmutzung in Berlin und in Thüringen auch das Sammeln angenagter Haselnüsse. Mit Letzterem versucht man, der Haselmaus auf die Spur zu kommen.
Ein Projekt, nach dem man suchen muss, ist das Lepiforum. Das ist inzwischen eine riesige Datenbank von Schmetterlingen. Ihr verdanke ich die Erkenntnis, dass es Dutzende Arten von Bläulingen gibt, von denen einige braun und andere violett sind. Und dass man besser die Unterseite fotografiert, weil die viel charakteristischer ist als die Oberseite. Wenn man sich im Labyrinth des Forums völlig verlaufen hat und keine Ahnung hat, wonach man eigentlich sucht, darf man auch Anfragen stellen, die schnell und exakt beantwortet werden. Allerdings wird man nachdrücklich aufgefordert, exakte Angaben zu Datum, Uhrzeit und Koordinaten des Fotos zu machen.
Eigentlich war ich mir ziemlich sicher, dass der Weißling, der mir vors Objektiv geflattert war, ein Pieris napi, ein Grünaderweißling, war. Aber nicht so ganz. Irgendwie war mir ein Exemplar zu dunkel. Also fragte ich nach. Tata! Das war das Korn des Blinden Huhns: Was ich da erfolgreich verewigt hatte, war Pieris napis britannica, die britische Unterart des Grünaderweißlings, der sich mutmaßlich schon vor Jahrzehnten bis Jahrhunderten von den Kollegen am Festland abgesondert hat. Er flattert auf den Äußeren Hebriden herum. Das hat ihm nicht geholfen. Er steckt jetzt in der Datenbank des Lepiforums, damit andere blinde Hühner einen Lichtblick haben. Und das ist eine rundum erfreuliche Sache, wenn auch datenschutzrechtlich bedenklich. Ich habe kein schriftliches Einverständnis von ihm.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Biotope abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s