Algorithmen auf der Straße

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Im Moment tut sich einiges auf Deutschlands Straßen. Am Sonnabend waren je nach Quelle zwischen 100.000 und 200.000 Demonstranten gegen die neue Urheberrechtsrichtlinie der EU auf den Straßen.
Alles konzerngesteuerte Algorithmen, meint der Vater der Richtlinie, der CDU-Politiker Axel Voss. Wow, denke ich, die Künstliche Intelligenz ist echt schon viel weiter, als ich dachte. Jetzt laufen die Algorithmen schon auf der Straße herum und schwenken Schilder. Das muss man erst einmal hinkriegen. Einige sehen sogar aus wie Leute, die ich persönlich aus dem Real Life kenne. Sie reagieren auch super, wenn man sie anspricht. Die meisten würden mühelos den Turing-Test bestehen. Hätte ich sie einfach so auf dem Markt getroffen statt auf der Demo, ich hätte sie glatt für Menschen gehalten.
Das war allerdings nicht die letzte Fehlleistung der CDU, die von den Algorithmen inzwischen #NieMehrCDU genannt wird. Daniel Caspary, MdEP, verkündete: „Nun wird offensichtlich versucht, auch mit gekauften Demonstranten die Verabschiedung des Urheberrechts zu verhindern. Bis zu 450 € werden von einer sogenannten NGO für die Demoteilnahme geboten.“ Und er wittert, durch die Demonstrationen sei die Demokratie in Gefahr. Ja, das Volk stört schon mal bei der Volksherrschaft …
Vermutlich einige tausend haben sich inzwischen erkundigt, wo sie ihr Demogeld bekommen. Logistisch ist das offenbar doch ein bisschen viel für die klugen Algorithmen. In Jena bekam ich zu hören, das Geld stecke im Uploadfilter von Google fest. Es reichte also nicht mal für eine Bratwurst, nur für sagenhaftes Frühlingswetter. Immerhin.
Übrigens gibt es schon ein Urheberrecht, das noch übrigenser nicht mit dem Verwertungsrecht identisch ist, obwohl alle Welt so tut. Ganz ohne Internet gehen von jedem Buch, das bei Amazon gekauft wird, ganze 10 % an den Autor (wenn der Verlag fair ist), aber 50 % an den Internethändler. Erklärt mir das mal, statt das Zitieren und Verlinken von Inhalten kostenpflichtig zu machen. Natürlich streicht auch der Verlag 40 % ein. Wer daran zweifelt, dass das berechtigt ist, der sollte mal ein paar der unlektorierten e-books lesen, die es ebenfalls bei Amazon von Selbstverlegern gibt. Der Science-Fiction-Autor Charles Stross stellt seinen Lesern einige seiner Storys kostenlos auf seiner Website zur Verfügung. Wenn man ihm dafür etwas Gutes tun wolle, schreibt er, sollte man seine Bücher kaufen – denn dann hätten auch die Mitarbeiter seines Verlages etwas davon.
Helga Truepel von den Grünen ist übrigens auch ein Herzchen. „Schranken für Parodie, Zitatrecht, Review und Pastiche werden europaweit vereinheitlicht. Da muss dann nichts gefiltert werden.“, meint sie. Das ist ungefähr so, als müsste man keine Blitzer mehr aufstellen, wenn in der ganzen Stadt Tempo 30 gilt. Und bei aller Intelligenz der wandelnden Algorithmen – was Parodie und was Ernst ist, kann selbst ein Mensch nur schwer erkennen. Bei Voss, Caspary und Truepel jedenfalls frage ich mich, ob der Postillon sie erfunden hat.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Algorithmen auf der Straße

  1. Ossiblock schreibt:

    Niederlande, Polen, Luxemburg, Finnland und Italien waren dagegen. Slowenien und Belgien enthielten sich der Stimme, die anderen 21 Länder stimmten für den Kompromiss mit dem Parlament.

    Verabschiedet wurde übrigens nicht ein neues Gesetz für Urheber oder Verwerter:
    Man hat einfach das sogenannte Copyright der Kuhjungen kopiert.

    Nun sitzen (noch) 28 Länder Europas im Kochtopf und horchen, was ihnen der Kuhjunge einflüstert.

    So brutal ist es wirklich.

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