Modernes Wandern

Jena hat sein Wanderwegenetz „optimiert“, also eingekürzt – um fast ein Drittel oder 97 km. In der Begründung steht, jeder hätte seit 1890 je nach Bedürfnis neue Wege angelegt, da sei eine qualitative und quantitative Überarbeitung geboten gewesen. Ich weiß nicht, wie lange man gegrübelt hat, bis jemandem die inhaltsleere Phrase „Weniger ist mehr“ eingefallen ist. Nein, sagt der gemeine Physiker, weniger ist weniger, und zwar 97 km.
Ich habe mal versucht, die Jenaer Horizontale abzuwandern. Das sind 100 km, die nicht horizontal verlaufen, sondern auf und ab wie eine Achterbahn, und nach etwa 70 km wusste ich, dass ich keinen Berg mehr hinabsteigen können würde, und warf das Handtuch. Aber ich habe dadurch eine ziemlich gute Vorstellung, wieviel 97 km sind.
Zur Begründung der Überarbeitung wurde angeführt, es gäbe ein verändertes, „modernes Wanderverhalten“. Die Leute hätten gern Rundwege von zwei bis drei Stunden. Das wäre dann ungefähr der normale Sonntagsausflug, den ich seit meiner Kindheit kenne. (Rundwege von 100 km sind für Verrückte und solche, die es werden wollen.)
Und weil man mit alldem Geld spart, hat man es für andere unnütze Dinge übrig:

ModernesWandern1

Mal davon abgesehen, dass eine Website auf einem Dumbphone ebensowenig augmented reality ist wie ein Faltblatt von der Forstverwaltung … Damit, dass man Animationen fürs Händi bereitstellt, will man allen Ernstes das Naturerlebnis steigern? Indem man dem modernen Menschen auch im Wald die elektronische Scheuklappe aufnötigt, will man ihn dazu bringen, mehr Natur zu erleben? Komm, wir gehen in die Natur, das ist fast wie daheim vor der Glotze?
Vielleicht bin ich ja tatsächlich das Auslaufmodell des wandernden Menschen, der vor allem der Natur wegen wandert – und wegen der Freude daran, die eigenen Füße zu benutzen. Beim Benutzen der Füße auf naturbelassenen Wanderwegen würde ich von der Benutzung des Händis als visuelles Medium unbedingt abraten. Es gibt da so Dinger, die heißen Wurzeln. Die liegen ziemlich unorganisiert im Wald herum. Ich habe sogar schon erlebt, dass eine Kreuzotter mitten auf dem Weg lag. Kommt vor. In der Natur. Auf eine Steigerung dieses Erlebnisses kann ich gut verzichten.
Das Schöne am Wandern ist, dass man sich für einige Zeit nicht mit der Informationsgesellschaft herumschlagen muss. Im Freien zu sein, ist gut für die Augen, weil sie häufiger umfokussieren müssen. Natürlich nur, wenn man mit ihnen in die Gegend schaut und nicht aufs Display. Man sieht Dinge. Natur. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man immer wieder Neues. Wenn das eigene Wissen nicht reicht, kann man von unbekannten Pflanzen und Tieren Fotos machen und zu Hause bei Wikipedia oder anderswo nachsehen, was man da gesehen hat. Funktioniert und sorgt für schöne Erinnerungen. Wenn ich bei jedem unbekannten Falter unterwegs erst einmal das Lepiforum zu Rate ziehen würde, dann würde ich Stunden später ankommen und den häuslichen Frieden ernsthaft gefährden.

(auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen.)

Das Beste am Wandern ist, dass man Dinge erlebt, die man zu Hause einfach nicht erleben kann. Mit geballter elektronischer Unterstützung hätte ich mich zum Beispiel nicht verlaufen, wäre nie auf die falsche Ebene des Steilhanges geraten, hätte dort keine seltsamen schwarzgelben Hubschrauber gesehen und nie erfahren, dass „Schmetterlingshaft“ nicht einfach ein Adjektiv ist, sondern eine Artbezeichnung. Verlaufen gehört zum Naturerlebnis definitiv dazu. Die modernen Zielgruppen ahnen ja nicht, was sie da verpassen.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Modernes Wandern

  1. inge schreibt:

    Hier in der Sächsischen Schweiz werden Wanderwege gesperrt oder zurückgebaut, um „die Natur vor den Menschen zu schützen“. Es gibt auch Leute, die sich „aus ökologischen Gründen“ weigern, querfeldein zu gehen (was ja im Nationalpark sowieso verboten ist)…

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