Entspannungsübung

In Neufundland geht alles ein wenig entspannter zu. Steht man am Straßenrand, hält das nächste Auto an, um einen hinüber zu lassen, obwohl danach bis zum Horizont kein weiteres Auto zu sehen ist. Das ist blöd, wenn man eigentlich nur ein Foto machen wollte und stattdessen über die Straße gehen muss, um den Verkehr nicht mehr als nötig aufzuhalten. Du weißt beim Bäcker nicht, welches Kuchenstück du haben möchtest? Kein Problem. Take your time. Man stellt dir auch jeden einzelnen Kuchen persönlich vor. Dass ein Kunde im Laden ist, heißt noch lange nicht, dass man das angeregte Gespräch mit dem Nachbarn nicht zu Ende bringen könnte. Irgendwann erwischt man sich selbst bei einem: „No problem.Take your time.“
Vielleicht liegt das alles nur daran, dass es kaum etwas gibt, was wirklich dringend wäre. Niemand hat es eilig, oder es scheint zumindest so. Und je weniger Leute herumlaufen, umso weniger gehen sie einem auf die Nerven. Jeder, absolut jeder, der einem unterwegs begegnet, grüßt freundlich, und meist geht es nicht ohne eine Bemerkung über das Wetter, die Gegend oder den Elch im Garten ab. Einfach nur „Good morning“ zu sagen, wäre unhöflich. Es ist ein ausgesprochen zivilisiertes Land, wo man gefragt wird, warum man eigentlich auf die Idee kommt, sein Auto abzuschließen.
Ich stehe an der Tankstelle, habe nichts Dringenderes zu tun, als die Zapfpistole festzuhalten. Geradeaus fällt mein Blick auf ein Ladenschild.

GreenStop

Green Stop. Cannabis to go. Ich lese das. Lese es noch einmal. Überlege, was die mit Cannabis meinen könnten. Überlege, ob es Satire sein könnte. Ob sie vielleicht Vogelfutter verkaufen oder Saatgut für Hanf … Schließlich akzeptiere ich, dass es wohl das ist, was dran steht: Der offizielle, lizensierte Drogendealer, so wie es den lizensierten Alkoholladen gibt (nein, durchaus nicht jeder Supermarkt hat alkoholische Getränke). Verlässliche Qualität.
In Deutschland tut man noch immer so, als wäre die Freigabe von Cannabis der Untergang des Abendlandes. Die Polizei meldet regelmäßig ihre großen Erfolge, wenn sie mal wieder zwei Leute mit Mindermengen an Hasch oder gar eine Hanfpflanze sichergestellt haben. Als hätten sie nichts Besseres zu tun. Leute werden wegen einer Bagatelle kriminalisiert, die anderswo so legal ist wie bei uns eine Flasche Bier. Weder in Neufundland noch bei unseren holländischen Nachbarn ist die Zivilisation zusammengebrochen. Man könnte das endlich mal ein bisschen enspannter sehen, und vielleicht ab und an wildfremden Leuten einen guten Tag wünschen – und sich Zeit lassen.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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