Ungeliebte Kinder überfahren

Ich habe keine Ahnung, wie oft in Neufundland Kinder überfahren werden. Angesichts der Weitläufigkeit des Landes und der geringen Dichte sowohl von Autos als auch von Kindern und der generell niedrigen Geschwindigkeiten vermute ich, dass es mehr Unfälle mit Elchen gibt als mit Kindern.
Trotzdem steht in jedem zweiten Dorf, das sich hier stolz Town nennt, hinter der 40 oder 30 am Dorfeingang noch ein „SLOW! We love our children.“ Gern auch mit Herzchen statt des „love“. (In Kanada werden metrische Einheiten verwendet, es handelt sich also um 30 km/h, eine geradezu irrwitzige Geschwindigkeit). Im Allgemeinen kommt erst einen halben Kilometer nach diesem Schild das erste Haus. Die Häuser stehen hier einzeln, mit sehr viel Platz dazwischen, auf dem Kinder spielen könnten, wenn da welche wären. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sieht man kein einziges, bis man am anderen Ende des Dorfes ist. Es laufen Hunde und Enten auf den Straßen herum, ohne überfahren zu werden. In Neufundland gibt es weder Speed bumps noch ralentisseurs. Man verwendet die klassischen Schlaglöcher, um die Geschwindigkeit zu dämpfen.
Abgesehen von der demzufolge minimalen Bedrohung ist es die Logik der Aufforderung, die mir Knoten ins Gehirn macht. Nimmt man ernsthaft an, der durchschnittliche Autofahrer sei wild darauf, Kinder zu überfahren, und würde nur davon ablassen, weil sie von irgendwem geliebt werden? Mal ganz praktisch: So ein Kind ist ein ziemlicher Brocken und macht bestimmt Beulen, wenn man mit ihm zusammenstößt, von dem damit verbundenen Ärger ganz zu schweigen. Oder warum werden die Elche nicht überfahren, obwohl nirgends steht: „SLOW! We love our mooses!“? Und soll das heißen, ungeliebte Kinder könnte man getrost über den Haufen fahren? Wo man keine herzigen Moralkeulen schwenkt, darf gerast werden? Ist es so ungewöhnlich, die eigenen Kinder zu lieben, dass man das Bekenntnis unbedingt an den Ortseingang hängen muss: HIER WERDEN KINDER GELIEBT? Und darf man bedenkenlos alte Leute umfahren? Oder 41jährige Autoschlosser?

DuckCrossing

Kein Liebesbekenntnis, null tote Enten auf der Fahrbahn.

Während ich stoisch mit 30 km/h durchs Dorf zockele, fahren die Einheimischen bis auf wenige Meter an das Hinterteil meines Fahrzeuges heran, sichtlich genervt. Fahre ich beiseite, sind sie – Husch! – am Horizont verschwunden. Ich vermute, das sind die Väter und Mütter, die ganz schnell nach Hause müssen, um ihre Kinder zu lieben.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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