Wahlkampf TH2019/1: Geld für Deppen

CDU_FamilienEs ist Wahlkampf, die Zeit für plakative, aber weder praktikable noch ernstgemeinte Ideen. Die CDU setzt im Rennen um die blödeste Idee auf eine Rückkehrerprämie von 5.000 Euro für Leute, die ihren Hauptwohnsitz nach Thüringen zurückverlegen und hier eine Arbeit aufnehmen. Für Familienmitglieder, auch wenn die vielleicht in Hessen oder Bayern geboren wurden, will man „aufstocken“.
Offenbar ist der CDU 30 Jahre nach der Wende aufgegangen, dass ihr in Thüringen nicht nur das Wahlvolk ausgeht, sondern auch der Industrie das Arbeitsvolk. Das ging ja mal schnell. Während ihrer Regierung von der Gründung des Freistaates bis 2014 hat Thüringen rund 18 % seiner Einwohner verloren, etwa 400.000 Menschen (Landesamt für Statistik). Dass es vielfach junge Menschen waren, die sich in Richtung Westen verabschiedeten, ist kein Geheimnis.
Über Jahrzehnte ist die CDU damit hausieren gegangen, dass die Lohnkosten in Thüringen so schön niedrig sind. Es gab Zeiten, da verdiente der Durchschnittsthüringer weniger als der Mecklenburger. Er arbeitet natürlich länger und hat weniger Urlaub als im Westen. Etwas anderes ist der CDU nicht eingefallen, und so ist Thüringen für die meisten Unternehmen die verlängerte Werkbank. Im Jahre 2019 liegt der Thüringer Durchschnittlohn bei 81 % des Bundesdurchschnitts. In Thüringen verdient man im Mittel also 8.550 € weniger als in Deutschland – in einem Jahr. Sollte der Exilthüringer derzeit in Bayern arbeiten (dorthin sind viele abgewandert), dann ist es ein Unterschied von 10.845 €. Mit anderen Worten: Das großzügige Geschenk der CDU würde gerade mal ein halbes Jahr den Verdienstausfall kompensieren. Da man zudem noch länger arbeiten müsste als in Bayern, müsste man schon recht deppert sein, um wegen der Prämie der CDU umzuziehen.
Davon abgesehen, dürfte es beliebige verfassungsrechtliche Probleme geben. Warum bekommt ein Mensch, der in Thüringen geboren ist, Geld für einen Umzug nach Thüringen, ein Hesse, Sachse oder Mecklenburger aber nicht? Das ist Diskriminierung wegen der Herkunft, und das ist gesetzwidrig. Mal ganz davon abgesehen, dass es eine Nationalität „Thüringer“ nicht gibt. Muss man hier geboren sein? Könnte ich mich – nach 35 Jahren in Thüringen – um die Staatsbürgerschaft bewerben? Sind Arbeitskräfte, die in Thüringen geboren wurden, irgendwie besser als welche aus Bayern, Niedersachsen, Tschechien oder Russland?
Fragen über Fragen, und da ist die wichtigste noch nicht dabei: Was muss man rauchen, um auf eine so bescheuerte Idee zu kommen? Die CDU hat in den Jahren ihrer Herrschaft krampfhaft versucht, die Hausfrauenehe wieder zu etablieren. Sie musste mit einem Bürgerbegehren gezwungen werden, die ungeliebte Kita-Betreuung mit ausreichend Personal zu finanzieren. Sie hat über Jahre keine Lehrer eingestellt, sodass die Pädagogik-Absolventen reihenweise in andere Länder abwanderten (und regt sich jetzt über den Lehrermangel auf – das ist echt witzig). Es gibt also genug Möglichkeiten, Steuergeld sinnvoll auszugeben. Man muss es nicht zum Fenster rauswerfen.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Wahlkampf TH2019/1: Geld für Deppen

  1. Evelyn schreibt:

    Köstlich auf den Punkt gebracht … Lachtränen trotz Bitternis … Humor ist, wenn man trotzdem lacht 😉

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