Found 6: Auffahrunfall

Nicht jeder Unfall ist schlecht. Neufundland gäbe es nicht ohne einen der größten Auffahrunfälle der Weltgeschichte. Vor 410 Millionen Jahren, irgendwo zwischen Ordovizium und Silur, krachten die beiden Superkontinente Laurentia und Gondwana aufeinander und schoben da, wo zuvor der Iapetische Ozean war, den größten Teil Neufundlands aus dem Meer an die frische Luft. (Laurentia hieß tatsächlich so und hatte wenig tänzerische Ambitionen.) Eine Weile dümpelten sie als Supersuperkontinent herum, bis sie 210 Millionen Jahre später wieder getrennter Wege gingen – der eine als Amerika, der andere als Europa und Afrika. Ein Stück Gondwana blieb zurück und bildet heute die Avalon-Halbinsel. Eigentlich gehört sie nach nach Westafrika, aber bei Trennungen langjähriger Partnerschaften geht es nie ohne Verluste und Grauzonen ab.

(Auf eins der Bilder klicken, um sie groß zu sehen.)
Da, wo Laurentia und Gondwana zusammenstießen und die Erdkruste zusammenschoben wie ein Tischtuch, findet sich der Dover-Bruch, nicht zu verwechseln mit den White Cliffs of Dover, die mit Gondwana zurück nach Osten gesegelt sind und am Ärmelkanal herumstehen. Dover ist ein kleiner Ort an der Ostküste Neufundlands, irgendwo an Route 320. Der Bruch ist so etwas wie der Riss im Tischtuch. Er kann bis heute bewundert werden.
Wo Neufundland nicht aus einem nassen Schwamm besteht, ist es reine Geologie. Dazwischen findet man nur gelegentlich trockenen, festen Boden. Entweder Sumpf oder Felsen.
Besonders viele Felsen gibt es im Gros Morne National Park. Die Tablelands – riesige Tafelberge mit einer Art feuchter Sahel-Zone ringsum – sind ebenfalls eine Folge der Affäre der beiden Superkontinente. An dieser Stelle wurde die Erde derart gefaltet, dass der Erdmantel, der normalerweise ziemlich dreckverkrustet ist, an die Oberfläche kam. In der Regel liegen zwischen 5 und 70 km Erdkruste darüber – Dreck eben. Im Mantel ist eine Menge Eisen und Magnesium, und irgendwie ist das trotz ausreichender Feuchtigkeit für Pflanzen nicht besonders lecker. Die sind an Kruste gewöhnt und mäkeln. Deshalb sieht es aus wie in der Wüste.
Auch sonst gibt es jede Menge Felsen und Steine in allen denkbaren Farben, und natürlich auch White Cliffs – die aber in Sandy Cove. Mutmaßlich handelt es sich um eine Hinterlassenschaft des Iapetischen Ozeans. Das hat Sandy Cove mit Jena gemeinsam – auch meine Heimatstadt steht auf dem Meeresboden. Aber das war in der Trias und ist eine andere Geschichte.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Found 6: Auffahrunfall

  1. Inge schreibt:

    „Laurentia hieß tatsächlich so…“ – klingt witzig, aber meinst du wirklich, dass es damals schon etwas oder jemanden gab, der seinen Kontinent Laurentia genannt hat oder hätte oder sowas wie Laurentia überhaupt aussprechen konnte?

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