Wahlkampf TH2019/3: Starke Beliebigkeit

Jedesmal wenn ich an am CDU-Plakat mit dem Slogan „Starke Mitte wählen“ vorbeikomme, muss ich an „Mode für starke Frauen“ denken, wobei die starken Frauen meist gar nicht stark, sondern ein wenig übergewichtig und wabbelig sind. Inzwischen ist die CDU in meinem Hirn fest mit Fettpölsterchen und -polstern verdrahtet. Und natürlich ist die CDU weder in Thüringen noch sonstwo mittig, sondern rechts, und zwar auf der Seite der Konzerne.
TiefenseeStärke scheint überhaupt das Argument für Wahlen zu sein. Die SPD bewirbt Wolfgang Tiefensee als „Thüringens starke Stimme“. Der ist zwar in Gera geboren worden, hat sich aber, sobald er erwachsen war, ins sächsische Leipzig abgesetzt. Er war mal Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Das habt ihr nicht gewusst? Ich auch nicht, und das zeigt, dass er jedenfalls keine starke Stimme des Ostens war. Zum Beispiel habe ich auffällig nicht gehört, dass er eine Untersuchung der zweifelhaften Geschäfte der Treuhand gefordert hätte. Wozu auch. Stattdessen hat er in der Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ mitgearbeitet, der wir nicht nur die Deregulierung der Leiharbeit und prekäre Mini-Jobs, sondern auch HartzIV verdanken. Danke auch. Er wirbt denn auch mit „Löhne hoch“. Und schließlich hat er als Verkehrsminister eine zweifelhafte Studie in Auftrag gegeben, die beweisen sollte, dass ein Tempolimit keine Auswirkung auf den Kohlendioxid-Ausstoß hätte.
KemmerichDie FDP behauptet, „Gegen den Trend vernünftig“ zu sein, was im Falle ihres Spitzenkandidaten Thomas Kemmerich heißt: gegen kommunistische Umtriebe wie Mindestlohn, Arbeitszeitgesetz und Beschränkung der Wochenendarbeit. Er meint, die Beschäftigten würden gern den Sonnabend auf Arbeit verbringen, statt sich mit der Familie herumzuärgern. Er war nämlich Vorstandsvorsitzender einer Friseurkette. Derzeit ist er im Bundestag – was sich in seiner Welt anscheinend prima mit einem Landtagsmandat vereinbaren lässt. Er meint, man müsste FDP wählen, um Rot-Rot-Grün zu beenden. Keine Ahnung warum. Die FDP scheint das für selbsterklärend zu halten.
Die NPD erklärt es: „Keine Macht den Roten, sonst kommen mehr Schwarze“. So weit, so widerlich. Und so falsch, denn seit 2017 ist der Flüchtlingsstrom zu einem leisen Tröpfeln geschrumpft.
RamelowDie Linke plakatiert in der Regel tatsächlich mit Inhalten, ist derzeit aber hoffnungslos im Personenkult versackt. Nach Willkommen-in-Thüringen-Plakaten mit Bodo als Lokführer ist man jetzt bei „Bodo Ramelow!“ auf Großplakaten angelangt. Weniger Inhalt war selten. Er spielt den netten Onkel Bodo mit „Nähe, Verlässlichkeit, Offenheit“. Wenn man als interessierte Piraten-Stadträtin allerdings fragt, was denn das Land mit dem demnächst leerstehenden Zeiss-Bau 6/70 (für Nicht-Jenaer: ein gigantischer Immobilienwürfel mit tausenden Quadratmetern Büro- und Produktionsfläche, aber mit einem Mangel an Tageslicht) vorhabe, dann bekommt man eine ziemlich patzige Antwort – er lasse sich nicht zu einer Aussage nötigen. Ja, so stelle ich mir Nähe und Offenheit vor. Das Schönste dabei: Die Linke ist zwar ganz Bodo, aber Bodo ist nicht Die Linke. Die fehlt auf seinen Plakaten. Obacht! Auf dem Wahlzettel steht nirgends eine Partei namens „Bodo Ramelow“. Bitte nicht traurig sein.
AfDMeinungsfreiheitDie AfD hat in Übergröße mit „Meinungsfreiheit“ plakatiert. Über Blödsinn wie „Schreib Geschichte!“, „Vollende die Wende“ oder „Keine DDR 2.0“ mag ich mich schon gar nicht mehr aufregen. Aber die Meinungsfreiheit hat ein besorgter Bürger ernst genommen. „Höcke ist ein Faschist“, hat er ergänzt. „Das darf man so sagen.“ Die Ansage hing eine ganze Woche.
Seit Wochen frage ich mich verzweifelt, ob die Menschheit wirklich so blöd ist, wie die Parteien glauben, und irgendetwas von dem Gedöns ernst nimmt.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Wahlkampf TH2019/3: Starke Beliebigkeit

  1. Max Headroom schreibt:

    Zitat:“ Seit Wochen frage ich mich verzweifelt, ob die Menschheit wirklich so blöd ist, wie die Parteien glauben, und irgendetwas von dem Gedöns ernst nimmt.“
    Ob irgendwas vom Gedöns ernstgenommen wird, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher, daß die Menscheit wirklich blöd ist.
    Oder um es vornehmer mit Albert Einstein auszudrücken:
    „Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null – das nennen sie dann ihren Standpunkt.“
    Oder auch von ihm:
    „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
    Zum Beispiel wider besseres Wissen immer die gleiche Bande zu wählen, in der Hoffnung, einmal müssen die doch endlich das tun, was ich mir wünsche …

    • Inge schreibt:

      So wahnsinnig ist der Bürger dann doch nicht – deshalb hat die neue Bande so einen Zulauf…

      • Max Headroom schreibt:

        Die AfD zu wählen ist noch wahnsinniger.
        Jemand hat mal sehr treffend gesagt, die AfD sei nur die „FDP auf Speed“. Also der gleiche neoliberale Schei.. mit Zugabe von verschiedenen Hasskomplexen.
        Zu Wahlen allgemein sei zitiert:
        „Es ist nicht die Philosophie der EU, daß der Pöbel über sein Schicksal bestimmen kann.“
        Martin Schultz, als Präsident des EU-Parlaments, 01.07.2016

  2. flexi schreibt:

    Gegen den Trend vernünftig – aber erst übermorgen!

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